März, 2006



Liebesgedicht Goethe - Im Sommer


h1 17. März 2006 14:50 - Gedicht eingereicht von romantikerin

Im Sommer
Wie Feld und Au
So blinkend im Tau!
Wie perlenschwer
Die Pflanzen umher!
Wie durch’s Gebüsch
Die Winde so frisch!
Wie laut im hellen Sonnenstrahl
Die süßen Vöglein allzumal!

Ach! aber da,
Wo Liebchen ich sah,
Im Kämmerlein,
So nieder und klein,
So rings bedeckt,
Der Sonne versteckt,
Wo blieb die Erde weit und breit
Mit aller ihrer Herrlichkeit!

von Johann Wolfgang von Goethe

Liebesgedicht Goethe - Glück und Traum


h1 17. März 2006 14:49 - Gedicht eingereicht von romantikerin

Glück und Traum
Du hast uns oft im Traum gesehen
Zusammen zum Altare gehen,
Und dich als Frau, und mich als Mann.
Oft nahm ich wachend deinem Munde,
In einer unbewachten Stunde,
So viel man Küsse nehmen kann.

Das reinste Glück, daß wir empfunden,
Die Wollust mancher reichen Stunden
Floh, wie die Zeit, mit dem Genuß.
Was hilft es mir, daß ich genieße?
Wie Träume fliehn die wärmsten Küsse,
Und alle Freude wie ein Kuß.

von Johann Wolfgang von Goethe

Liebesgedicht Goethe - Gegenwart


h1 17. März 2006 14:49 - Gedicht eingereicht von romantikerin

Gegenwart
Alles kündet dich an!
Erscheinet die herrliche Sonne,
Folgst du, so hoff’ ich es, bald.

Trittst du im Garten hervor,
So bist du die Rose der Rosen,
Lilie der Lilien zugleich.

Wenn du im Tanze dich regst,
So regen sich alle Gestirne
Mit dir und um dich her.

Nacht! und so wär’ es denn Nacht!
Nun überscheinst du des Mondes
Lieblichen, ladenden Glanz.

Labend und lieblich bist du,
Und Blumen, Mond und Gestirne
Huldigen, Sonne, nur dir.

Sonne! so sei du auch mir
Sie Schöpferin herrlicher Tage;
Leben und Ewigkeit ist’s.

von Johann Wolfgang von Goethe

Liebesgedicht Goethe - Frühzeitiger Frühling


h1 17. März 2006 14:48 - Gedicht eingereicht von romantikerin

Frühzeitiger Frühling
Tage der Wonne,
Kommt ihr so bald?
Schenkt mir die Sonne
Hügel und Wald?

Reichlicher fließen
Bächlein zumal.
Sind es die Wiesen,
Ist es das Tal?

Blauliche Frische!
Himmel und Höh’!
Goldene Fische
Wimmeln im See.

Buntes Gefieder
Rauschet im Hain;
Himmlische Lieder
Schallen darein.

Unter des Grünen
Blühender Kraft,
Naschen die Bienen
Summend am Saft.

Leise Bewegung
Bebt in der Luft,
Reizende Regung,
Schläfernder Duft.

Mächtiger rühret
Bald sich ein Hauch,
Doch er verlieret
Gleich sich im Strauch.

Aber zum Busen
Kehrt er zurück.
Helfet, ihr Musen,
Tragen das Glück!

Saget, seit gestern
Wie mir geschah?
Liebliche Schwestern,
Liebchen ist da!

von Johann Wolfgang von Goethe

Liebesgedicht Goethe - Erster Verlust


h1 17. März 2006 14:47 - Gedicht eingereicht von romantikerin

Erster Verlust
Ach, wer bringt die schönen Tage,
Jene Tage der ersten Liebe,
Ach, wer bringt nur eine Stunde
Jener holden Zeit zurück!

Einsam nähr’ ich meine Wunde,
Und mit stets erneuter Klage
Traur’ ich um’s verlorne Glück.

Ach, wer bringt die schönen Tage,
Jene holde Zeit zurück!

von Johann Wolfgang von Goethe

Liebesgedicht Goethe - Die schöne Nacht


h1 17. März 2006 14:47 - Gedicht eingereicht von romantikerin

Die schöne Nacht
Nun verlass’ ich diese Hütte,
Meiner Liebsten Aufenthalt,
Wandle mit verhülltem Schritte
Durch den öden finstern Wald;
Luna bricht durch Busch und Eichen,
Zephyr meldet ihren Lauf,
Und die Birken streun mit Reigen
Ihr den süßten Weihrauch auf.

Wie ergez’ ich mir im Kühlen
Dieser schönen Sommernacht!
O, wie still ist hier zu fühlen,
Was die Seele glücklich macht!
Läßt sich kaum die Wonne fassen;
Und doch wollt’ ich, Himmel, dir
Tausend solcher Nächte lassen,
Gäb’ mein Mädchen eine mir.

von Johann Wolfgang von Goethe

Liebesgedicht Goethe - Der Abschied


h1 17. März 2006 14:46 - Gedicht eingereicht von romantikerin

Der Abschied
Laß mein Aug’ den Abschied sagen,
Den mein Mund nicht nehmen kann!
Schwer, wie schwer ist er zu tragen!
Und ich bin doch sonst ein Mann.

Traurig wird in dieser Stunde
Selbst der Liebe süßtes Pfand,
Kalt der Kuß von deinem Munde,
Matt der Druck von deiner Hand.

Sonst, ein leicht gestohlnes Mäulchen,
O, wie hat es mich entzückt!
So erfreuet uns ein Veilchen,
Das man früh im März gepflückt.

Doch ich pflücke nun kein Kränzchen,
Keine Rose mehr für dich.
Frühling ist es, liebes Fränzchen,
Aber leider Herbst für mich!

von Johann Wolfgang von Goethe

Liebesgedicht Goethe - Das Veilchen


h1 17. März 2006 14:45 - Gedicht eingereicht von romantikerin

Das Veilchen
Ein Veilchen auf der Wiese stand
Gebückt in sich und unbekannt;
Es war ein herzigs Veilchen.
Da kam eine junge Schäferin
Mit leichtem Schritt und munterm Sinn
Daher, daher
Die Wiese her, und sang.

Ach! denkt das Veilchen, wär’ ich nur
Die schönste Blume der Natur,
Ach, nur ein kleines Weilchen,
Bis mich das Liebchen abgepflückt
Und an dem Busen matt gedrückt!
Ach nur, ach nur
Ein Viertelstündchen lang!

Ach! aber ach! das Mädchen kam
Und nicht in Acht das Veilchen nahm,
Ertrat das arme Veilchen.
Es sank und starb und freut’ sich noch:
Und sterb’ ich denn, so sterb’ ich doch
Durch sie, durch sie,
Zu ihren Füßen doch.

von Johann Wolfgang von Goethe

Liebesgedicht Goethe - Brautnacht


h1 17. März 2006 14:44 - Gedicht eingereicht von romantikerin

Brautnacht
Im Schlafgemach, entfernt vom Feste,
Sitzt Amor dir getreu und bebt,
Daß nicht die List mutwill’ger Gäste
Des Brautbetts Frieden untergräbt.
Es blinkt mit mystisch heil’gem Schimmer
Vor ihm der Flamen blasses Gold;
Ein Weihrauchswirbel füllt das Zimmer,
Damit ihr recht genießen sollt.

Wie schlägt dein Herz beim Schlag der Stunde,
Der deiner Gäste Lärm verjagt;
Wie glühst du nach dem schönen Munde,
Der bald verstummt und nichts versagt!
Du eilst, um alles zu vollenden,
Mit ihr ins Heiligtum hinein;
Das Feuer in des Wächters Händen
Wird, wie ein Nachtlicht, still und klein.

Wie bebt vor deiner Küsse Menge
Ihr Busen und ich voll Gesicht!
Zum Zittern wird nun ihre Strenge,
Denn deine Kühnheit wird zu Pflicht.
Schnell hilft die Amor sie entkleiden,
Und ist nicht halb so schnell, als du;
Dann hält er schalkhaft und bescheiden
Sich fest die beiden Augen zu.

von Johann Wolfgang von Goethe

Liebesgedicht Goethe - Blumengruß


h1 17. März 2006 14:43 - Gedicht eingereicht von romantikerin

Blumengruß
Der Strauß, den ich gepflücket,
Grüße dich viel tausendmal!
Ich habe mich oft gebücket,
Ach, wohl ein tausendmal;
Und ihn an’s Herz gedrücket;
Wie hunderttausendmal!

von Johann Wolfgang von Goethe