Juni, 2007



Anna Ritter - Fremd geworden


h1 30. Juni 2007 22:34 - Gedicht eingereicht von liebesgedichte

Fremd geworden

Deinen Hügel umschreiten die Jahre …
Jedes legt eine Handvoll Staub,
Blühende Rosen und welkes Laub
Mit schweigendem Gruß darauf nieder.
Die Sehnsucht singt ihre Lieder
Allabendlich im Rosenbaum,
Die Stürme gehen hin und wieder -
Du aber schläfst und lächelst im Traum. -

Du wirst mir so fremd in der langen Zeit!
Wohl seh’ ich dich noch, doch mein Weg führt weit,
Ach, weit an dir vorüber.
In ewiger Jugend dein Auge erscheint,
Meins aber hat so viel Tränen geweint -
Es sank mir ein Schleier darüber!

von Anna Ritter

Max Dauthendey - Das kranke Mädchen


h1 30. Juni 2007 22:19 - Gedicht eingereicht von liebesgedichte

Das kranke Mädchen

Des jungen Mondes Spitze ist so schlank.
Wenn ich vor meiner Türe sitze,
Wird’ ich von feinem Lichte krank.

Durchs offne Fenster kommt zur Juninacht
Heuduft ans Bett mir wie Gespenster
Und hat das Seufzen mitgebracht.

Der Mond ist weißer noch als Kreide -
Ich muß vor Angst die Finger falten -
Möcht’ morgen meine Hände beide
Nur unter Rosenbäume halten.

von Max Dauthendey

Ludwig Uhland - Die Kapelle


h1 30. Juni 2007 21:55 - Gedicht eingereicht von liebesgedichte

Die Kapelle

Droben stehet die Kapelle,
Schauet still ins Tal hinab,
Drunten singt bei Wies’ und Quelle
Froh und hell der Hirtenknab’.

Traurig tönt das Glöcklein nieder,
Schauerlich der Leichenchor;
Stille sind die frohen Lieder,
Und der Knabe lauscht empor.

Droben bringt man sie zu Grabe,
Die sich freuten in dem Tal:
Hirtenknabe! Hirtenknabe!
Dir auch singt man dort einmal.

von Ludwig Uhland

Emanuel Geibel - Du fragst mich, du mein blondes Lieb


h1 30. Juni 2007 19:27 - Gedicht eingereicht von liebesgedichte

Du fragst mich, du mein blondes Lieb
Du fragst mich, du mein blondes Lieb,
Warum so stumm mein Mund?
Weil mir die Liebe sitzet,
Heimlich sitzet
Im Herzensgrund.

Kann denn die Flamme singen,
Wenn sie zum Himmel will?
Sie schlägt die Flügel hoch und rot,
So hoch und rot,
Und doch so still.

Die Ros’ auch kann nicht sprechen,
Wenn sie zur Blüt’ erwacht;
Sie glüht und duftet stumm hindurch,
Stumm hindurch,
Die Sommernacht.

So ist auch meine Minne,
Seit du dich mir geneigt;
Sie glüht und blüht im Sinne,
Tief im Sinne,
Aber sie schweigt.

von Emanuel Geibel

Franz Grillparzer - Allgegenwart


h1 29. Juni 2007 19:57 - Gedicht eingereicht von liebesgedichte

Wo ich bin, fern und nah,
Stehen zwei Augen da,
Dunkelhell,
Blitzesschnell,
Schimmernd wie Felsenquell,
Schattenumkränzt.

Wer in die Sonne sieht,
Weiß es, wie mir geschieht;
Schließt er das Auge sein,
Schwarz und klein,
Sieht er zwei Pünktelein,
Überall vor sich.

So auch mir immerdar
Zeigt sich dieses Augenpaar,
Wachend in Busch und Feld,
Nachts, wenn mich Schlaf befällt;
Nichts in der ganzen Welt
Hüllt es mir ein.

Gerne beschrieb ich sie,
Doch ihr verstündet’s nie,
Tag und Nacht,
Ernst, der lacht,
Wassers- und Feuersmacht
Sind hier in Eins gebracht,
Lächeln mich an.

Abends, wenn’s dämmert noch,
Steig’ ich vier Treppen hoch,
Poche ans Tor,
Streckt sich ein Hälslein vor;
Wangen rund,
Purpurmund,
Prächtig Haar,
Stirne klar,
Drunter mein Augenpaar!

von Franz Grillparzer

Emanuel Geibel - Drei Bitten


h1 27. Juni 2007 22:47 - Gedicht eingereicht von liebesgedichte

Drei Bitten

Drei Bitten hab’ ich für des Himmels Ohr,
Die send’ ich täglich früh und spät empor:
Zum ersten, daß der Liebe reiner Born
Mir nie versieg’ in Ungeduld und Zorn;
Zum zweiten, daß mir, was ich auch vernahm,
Ein Echo weck’, ein Lied in Lust und Gram;
Zum dritten, wenn das letzte Lied verhallt
Und wenn der Quell der Liebe leiser wallt,
Daß dann der Tod mich schnell mit sanfter Hand
Hinüberführ’ in jenes bessre Land,
Wo ewig ungetrübt die Liebe quillt,
Und wo das Lied als einz’ge Sprache gilt.

von Emanuel Geibel

Emanuel Geibel - Wolle keiner mich fragen


h1 26. Juni 2007 19:57 - Gedicht eingereicht von liebesgedichte

Wolle keiner mich fragen,
Warum mein Herz so schlägt.
Ich kann’s nicht fassen, nicht sagen,
Was mich bewegt.

Als wie im Träume schwanken
Trunken die Sinne mir,
Alle meine Gedanken
Sind nur bei dir.

Ich hab die Welt vergessen,
Seit ich dein Auge gesehn.
Ich möchte dich an mich pressen
Und still im Kuß vergehn.

Mein Leben möchte’ ich lassen
Um ein Lächeln von dir
Und du - ich kann’s nicht fassen,
Versagst es mir.

Ist’s Schicksal, ist’s dein Wille,
Du siehst mich nicht -
Nun wein’ ich stille, stille,
Bis mir das Herz zerbricht.

von Emanuel Geibel

Emanuel Geibel - Die Liebe gleicht dem April


h1 25. Juni 2007 22:47 - Gedicht eingereicht von liebesgedichte

Die Liebe gleicht dem April

Die Liebe gleicht dem April:
Bald Frost, bald fröhliche Strahlen,
Bald Blüten in Herzen und Talen,
Bald stürmisch und bald still,
Bald heimliches Ringen und Dehnen,
Bald Wolken, Regen und Tränen -
Im ewigen Schwanken und Sehnen
Wer weiß, was werden will!

von Emanuel Geibel

Max Dauthendey - Das Heu liegt tot am Wege


h1 25. Juni 2007 22:18 - Gedicht eingereicht von liebesgedichte

Das Heu liegt tot am Wege

Das Heu liegt tot am Wege,
Wir gingen ohne zu sehen,
Und Amselsang im Gehege,
Wir hörten es kaum im Gehen.

Wir waren still wie Erde,
Wie zwei, die man begraben;
Unsere Seelen mit dunkler Gebärde
Durchzogen den Himmel wie Raben.

von Max Dauthendey

Ludwig Uhland - Die Heimkehr


h1 25. Juni 2007 21:04 - Gedicht eingereicht von liebesgedichte

Die Heimkehr

Bei einem Wirte, wundermild,
Da war ich jüngst zu Gaste;
Ein goldner Apfel war sein Schild
An einem langen Aste.

Es war der gute Apfelbaum,
Bei dem ich eingekehret,
Mit süßer Kost und frischem Schaum
Hat er mich wohl genähret.

Es kamen in sein grünes Haus
Viel leichtbeschwingte Gäste;
Sie sprangen frei und hielten Schmaus
Und sangen auf das Beste.

Ich fand ein Bett zu süßer Ruh’
Auf weichen grünen Matten,
Der Wirt, er deckte selbst mich zu
Mit seinem kühlen Schatten.

Nun fragt’ ich nach der Schuldigkeit,
Da schüttelt’ er den Wipfel.
Gesegnet sei er allezeit
Von der Wurzel bis zum Gipfel!

von Ludwig Uhland