Juli, 2007



Anna Ritter - Es ist so still …


h1 20. Juli 2007 22:32 - Gedicht eingereicht von liebesgedichte

Es ist so still …

Es ist so still, seit du gestorben bist!
So furchtbar still …
Sonst teilte ich nach deinem Gehen und Kommen
Den Tag mir ein, und jede Stunde hatte
Ihr schönes Amt und ihre liebe Pflicht -
Nun kann ich tun und lassen, was ich will,
Gibt es doch nichts, das Fröhlichkeit bedeute. -
Die mich besuchen, sind mir fremde Leute,
Sie kannten dich und meinen Reichtum nicht,
Sie wissen nicht, was ich mit dir verloren.
Nur aus der Kinder lieblichem Gesicht
Schaut heimlich wohl dein liebes Bild hervor.
Dann träum’ ich mich in jene Zeit zurück,
Auf meiner Schwelle steht das alte Glück
Und lacht mich an - bis sich die Schatten dehnen
Und die erträumte Seligkeit versinkt. -
Wer weiß um solche Bitterkeit der Tränen,
Um solche Sehnsucht, die ins Leere winkt!

von Anna Ritter

Ludwig Uhland - Die Ulme zu Hirsau


h1 20. Juli 2007 22:01 - Gedicht eingereicht von liebesgedichte

Die Ulme zu Hirsau

Zu Hirsau in den Trümmern
Da wiegt ein Ulmenbaum
Frischgrünend seine Krone
Hoch über’m Giebelsaum.

Er wurzelt tief im Grunde
Vom alten Klosterbau,
Er wölbt sich statt des Daches
Hinaus in Himmelblau.

Weil des Gemäuers Enge
Ihm Luft und Sonne nahm,
So trieb’s ihn hoch und höher,
Bis er zum Lichte kam.

Es ragten die vier Wände,
Als ob sie nur bestimmt,
Den kühnen Wuchs zu schirmen,
Der zu den Wolken klimmt.

Wenn dort im grünen Tale
Ich einsam mich erging,
Die Ulme war’s, die hehre,
Woran mein Sinnen hing.

Wenn in dem dumpfen, stummen
Getrümmer ich gelauscht,
Da hat ihr reger Wipfel
Im Windesflug gerauscht.

Ich sah ihn oft erglühen
Im ersten Morgenstrahl;
Ich sah ihn noch erleuchtet,
Wann schattig rings das Tal.

Zu Wittenberg im Kloster
Wuchs auch ein solcher Strauß
Und brach mit Riesenästen
Zum Klosterdach hinaus.

O Strahl des Lichts! du dringest
Hinab in jede Gruft.
O Geist der Welt! du ringest
Hinauf in Licht und Luft.

von Ludwig Uhland

Emanuel Geibel - Kornblumen flecht’ ich dir zum Kranz


h1 20. Juli 2007 19:39 - Gedicht eingereicht von liebesgedichte

Kornblumen flecht’ ich dir zum Kranz

Kornblumen flecht’ ich dir zum Kranz
Ins blonde Lockenhaar.
Wie leuchtet doch der blaue Glanz
Auf goldnem Grund so klar!

Der blaue Kranz ist meine Lust;
Er sagt mir stets aufs neu’,
Wohl keine sei in dieser Brust
Wie du, mein Kind, so treu.

Auch mahnt sein Himmelblau zugleich
Mich heimlich süßer Art,
Daß mir ein ganzes Himmelreich
In deiner Liebe ward.

von Emanuel Geibel

Franz Grillparzer - Werbung


h1 16. Juli 2007 20:01 - Gedicht eingereicht von liebesgedichte

Mädchen, willst du mir gehören,
So sprich ja, und schlag nur ein!
Kann nicht seufzen, kann nicht schwören,
Willst du? - Gut! - Wenn nicht, - mag’s sein!

Gold hab’ ich nicht aufzuweisen,
Aber Lieder zahlen auch;
Will dich loben, will dich preisen,
Wie’s bei Dichtern heitrer Brauch.

Doch gefällt’s dir einst zu brechen,
Tu’s mit Maß und hüte dich!
Lieb, das schmeichelt, kann auch stechen,
Dich verletzest du, nicht mich.

Dichters Gram ist bald verschlafen,
Seine Kunst ist trostesreich;
Und die Lieder, die dich strafen,
Trösten heilend ihn zugleich.

von Franz Grillparzer

Anna Ritter - Heimweg


h1 15. Juli 2007 22:36 - Gedicht eingereicht von liebesgedichte

Heimweg

Wie schön das war, wenn wir am späten Tag
Durch die besonnten Felder heimwärts gingen,
Müd’ und bestaubt, und doch des Weges froh;
Wenn rings die Heimchen an zu zirpen fingen,
Und durch das Korn ein heimlich Flüstern zog,
Wie ein verfrühtes, ahnungsvolles Schauern
Von Tod und Ernte. Düster hob die Stadt
Mit ihren alten, festgefügten Mauern
Sich von dem klaren Abendhimmel ab,
Die Glockenklänge riefen uns wie Grüße,
Denn jeder Schritt der wandermüden Füße,
Er trug uns näher an ein lieblich Ziel. -
Die ersten Häuser! An den Fensterscheiben
Bekannte Mienen, hinter Tor und Tür
Der Kinder lautes, ausgelassnes Treiben …
Die Nachbarn traten hier und dort herfür
Mit Gruß und Handschlag, daß wir froh empfanden,
Wie tausend Fäden aus dem engen Kreis
Des eigenen Geschicks ins Weite liefen
Und uns dem Leben Anderer verbanden.

Das liegt nun Alles wie ein Traum zurück -
Ein schönes Bild, begraben mit den andern,
Und wollt’ ich h e u t’ den Weg noch einmal gehen,
Ich müßt’ ihn einsam und in Tränen wandern!

von Anna Ritter

Ludwig Uhland - Die Rache


h1 15. Juli 2007 22:00 - Gedicht eingereicht von liebesgedichte

Die Rache

Der Knecht hat erstochen den edlen Herrn,
Der Knecht wär selber ein Ritter gern.

Er hat ihn erstochen im dunklen Hain
Und den Leib versenket im tiefen Rhein.

Hat angeleget die Rüstung blank,
Auf des Herren Roß sich geschwungen frank.

Und als er sprengen will über die Brück’,
Da stutzet das Roß und bäumt sich zurück.

Und als er die güld’nen Sporen ihm gab,
Da schleudert’s ihn wild in den Strom hinab.

Mit Arm, mit Fuß er rudert und ringt,
Der schwere Panzer ihn niederzwingt.

von Ludwig Uhland

Emanuel Geibel - Im April


h1 15. Juli 2007 19:38 - Gedicht eingereicht von liebesgedichte

Im April

Du feuchter Frühlingsabend,
Wie hab’ ich dich so gern -
Der Himmel wolkenverhangen,
Nur hier und da ein Stern.

Wie leiser Liebesodem,
Hauchet so lau die Luft,
Es steigt aus allen Talen
Ein warmer Veilchenduft.

Ich möchte’ ein Lied ersinnen,
Das diesem Abend gleich,
Und kann den Klang nicht finden,
So dunkel, mild und weich.

von Emanuel Geibel

Emanuel Geibel - Es stand ein Veilchenstrauß an meinem Bette


h1 15. Juli 2007 19:29 - Gedicht eingereicht von liebesgedichte

Es stand ein Veilchenstrauß an meinem Bette
Es stand ein Veilchenstrauß an meinem Bette,
Der duftete mir zu gar süßen Traum:
Ich lag am Abhang einer Hügelkette,
Und überblüht von Veilchen war der Raum;
So viele wuchsen nie an einer Stätte,
Man sah vor ihrem Blau den Rasen kaum;
Da sprach das Herz: Hier ging mein Lieb, das traute,
Und Veilchen sprossten auf, wohin sie schaute.

von Emanuel Geibel

Franz Grillparzer - Intermezzo


h1 13. Juli 2007 20:01 - Gedicht eingereicht von liebesgedichte

Im holden Mond der Maien,
Wenn lichte Blumen blühn,
Geflügelte Schalmeien
Die Waldesnacht durchziehn;

Da hebt sich eine Scholle,
Die Liebe lauscht hervor,
Ob noch der Winter grolle,
Noch Laut der Stürme Chor?

Sieht grün sie nun die Weite,
Erträgt sie’s nicht im Haus,
Sie fliegt auf Spiel und Beute
Gleich andern Vögeln aus.

Doch friert es etwas nächtig,
Sucht sie der Menschen Dach
Und schürt ein Feuer mächtig
Im jungen Herzen wach.

von Franz Grillparzer

Ludwig Uhland - Die Münstersage


h1 10. Juli 2007 21:59 - Gedicht eingereicht von liebesgedichte

Die Münstersage

Am Münsterturm, dem grauen,
Da sieht man, groß und klein,
Viel Namen eingehauen,
Geduldig trägt’s der Stein.

Einst klomm die luft’gen Schnecken
Ein Musensohn heran,
Sah aus nach allen Ecken,
Hub dann zu meißeln an.

Von seinem Schlage knittern
Die hellen Funken auf,
Den Turm durchfährt ein Zittern
Vom Grundstein bis zum Knauf.

Da zuckt in seiner Grube
Erwin’s, des Meisters, Staub,
Da hallt die Glockenstube,
Da raucht manch steinernd Laub.

Im großen Bau ein Gären,
Als wollt’ er wunderbar
Aus seinem Stamm gebären,
Was unvollendet war. -

Der Name war geschrieben,
Von Wenigen gekannt;
Doch ist er stehn geblieben
Und längst mit Preis genannt.

Wer ist noch, der sich wundert,
Daß ihm der Turm erdröhnt,
Dem nun ein halb Jahrhundert
Die Welt des Schönen tönt?

von Ludwig Uhland