August, 2007



Ludwig Uhland - Unstern


h1 30. August 2007 22:10 - Gedicht eingereicht von liebesgedichte

Unstern

Unstern, diesem guten Jungen,
Hat es seltsam sich geschickt.
Manches wär’ ihm fast gelungen,
Manches wär’ ihm schier geglückt.
Alle Glückesstern’ im Bunde
Hätten weihend ihm gelacht,
Wenn die Mutter eine Stunde
Früher ihn zur Welt gebracht.

Waffenruhm und Heldenehre
Hätten zeitig ihm geblüht,
War doch in dem ganzen Heere
Keiner so von Mut erglüht;
Nur als schon in wilden Wogen
Seine Schar zum Sturme drang,
Kam ein Bote hergeflogen,
Der die Friedensfahne schwang.

Nah ist Unsterns Hochzeitsfeier,
Hold und sittig glüht die Braut;
Sieh! da kommt ein reicher Freier,
Der die Eltern baß erbaut.
Dennoch hätte die Geraubte
Ihn als Witwe noch beglückt,
Wäre nicht der Totgeglaubte
Plötzlich wieder angerückt.

Reich wär’ Unstern noch geworden
Mit dem Gut der neuen Welt,
Hätte nicht ein Sturm aus Norden
Noch im Port das Schiff zerschellt.
Glücklich war er selbst entschwommen,
Einer Planke hatt’ er’s Dank,
Hatte schon den Strand erklommen,
Glitt zurück noch und versank.

In den Himmel, sonder Zweifel,
Würd’ er gleich gekommen sein,
Liefe nicht ein dummer Teufel
Just ihm in den Weg hinein.
Teufel meint, er sei die Seele,
Die er eben holen soll,
Packt den Unstern an der Kehle,
Rennt mit ihm davon wie toll.

Da erscheint ein lichter Engel
Rettend aus dem Nebelduft,
Donnert flugs den schwarzen Bengel
In die tiefste Höllenkluft,
Schwebt der goldnen Himmelsferne
Mit dem armen Unstern zu,
Über gut’ und böse Sterne
Führt’ er den zur ew’gen Ruh.

von Ludwig Uhland

Otto Julius Bierbaum - Getrost


h1 30. August 2007 20:13 - Gedicht eingereicht von liebesgedichte

Nein, mein Herz, so sollst du dich nicht plagen,
Sei getrost und sie die Schöne an,
Wie sie kinderfröhlich lachen kann,
Und sie hat wohl auch ein Leid zu tragen.

Doch sie ist zu stolz und stark zu klagen,
Nur ihr Blick verkündet dann und wann,
Daß sie weiß, was Leid ist. Doch in Bann
Läßt sie sich von Kümmernis nicht schlagen.

Willst du, Herz, dich liebend zu ihr wenden,
Sollst du heiter sein, wie sie es ist,
Klar und lauter, stolz und stark. Erhebe
Dich ins Reine zu der Reinen: lebe,
Lebe auf, daß du ihr würdig bist,
Und es wird die Zeit des Jammers enden.

von Otto Julius Bierbaum

Emanuel Geibel - Vorüber!


h1 30. August 2007 19:45 - Gedicht eingereicht von liebesgedichte

Vorüber!

O darum ist der Lenz so schön
Mit Duft und Strahl und Lied,
Weil singend über Tal und Höh’n
So bald er weiter zieht;

Und darum ist so süß der Traum,
Den erste Liebe webt,
Weil schneller als die Blüt’ am Baum
Er hinwelkt und verschwebt.

Und doch! Er läßt so still erwärmt,
So reich das Herz zurück;
Ich hab’ geliebt, ich hab’ geschwärmt,
Ich preis’ auch das als Glück.

Gesogen hab’ ich Strahl auf Strahl
Ins Herz den kurzen Tag;
Die schöne Sonne sinkt zu Tal.
Nun komm’, was kommen mag!

Sei’s bittres Leid, sei’s neue Lust,
Es soll getragen sein:
Der sichre Schatz in meiner Brust
Bleibt dennoch ewig mein.

von Emanuel Geibel

Otto Julius Bierbaum - Gebet zwischen blühenden Kastanien


h1 27. August 2007 20:12 - Gedicht eingereicht von liebesgedichte

Frühling, o du süßer Junge!
Deine Beine sind so zärtlich
Schlank und deine schmalen Lippen
Feucht.

Wie du schreitest! Wie die Locken fliegen
Und das blaue Band im blonden Haare!
Wie es duftet, wo dein Mantel wehte!
Frühling, süßer, saftgebenedeiter
Siegerknabe mit den Mädchenbrüsten,
Hauch mich an mit deinem Blumenatem,
Der ich dich jetzt tiefer kenn und liebe,
Deiner Brünste voller bin ich ehmals.

Neig dich mir, o süßer Knabe, süßres
Mädchen! Ich vergehe sonst vor Sehnsucht,
Dich zu fühlen.

von Otto Julius Bierbaum

Ludwig Uhland - Taillefer


h1 25. August 2007 22:09 - Gedicht eingereicht von liebesgedichte

Taillefer

Normannenherzog Wilhelm sprach einmal:
“Wer singet in meinem Hof und in meinem Saal?
Wer singet vom Morgen bis in die späte Nacht
So lieblich, daß mir das Herz im Leibe lacht?”

“Das ist der Taillefer, der so gerne singt
Im Hofe, wenn er das Rad am Brunnen schwingt,
Im Saale, wenn er das Feuer schüret und facht,
Wenn er abends sich legt und wenn er morgens erwacht.”

Der Herzog sprach: “Ich hab’ einen guten Knecht,
Den Taillefer, der dienet mir fromm und recht:
Er treibt mein Rad und schüret mein Feuer gut
Und singet so hell, das höhet mir den Mut.”

Da sprach der Taillefer: “Und wär’ ich frei,
Viel besser wollt’ ich dienen und singen dabei.
Wie wollt’ ich dienen dem Herzog hoch zu Pferd!
Wie wollt’ ich singen und klingen mit Schild und Schwert!”

Nicht lange, so ritt der Taillefer in’s Gefild
Auf einem hohen Pferde, mit Schwert und mit Schild.
Des Herzogs Schwester schaute vom Turm in’s Feld,
Sie sprach: “Dort reitet, bei Gott! Ein stattlicher Held.”

Und als er ritt vorüber an Fräuleins Turm,
Da sang er bald wie ein Lüftlein, bald wie ein Sturm.
Sie sprach: “der singet, das ist eine herrliche Lust!
Es zittert der Turm, und es zittert mein Herz in der Brust.”

Der Herzog Wilhelm fuhr wohl über das Meer,
Er fuhr nach Engelland mit gewaltigem Heer.
Er sprang vom Schiffe, da fiel er auf die Hand:
“Hei,” rief er, “ich fass’ und ergreife dich, Engelland!”

Als nun das Normannenheer zum Sturme schritt,
Der edle Taillefer vor den Herzog ritt:
“Manch Jährlein hab’ ich gesungen und Feuer geschürt,
Manch Jährlein gesungen und Schwert und Lanze gerührt.

Und hab’ ich euch gedient und gesungen zu Dank,
Zuerst als ein Knecht und dann als ein Ritter frank:
So laßt mich das entgelten am heutigen Tag,
Vergönnt mir auf die Feinde den ersten Schlag!”

Der Taillefer ritt vor allem Normannenheer
Auf einem hohen Pferde mit Schwert und Speer,
Er sang so herrlich, das klang über Hastingsfeld,
Von Roland sang er und manchem frommen Held.

Und als das Rolandslied wie ein Sturm erscholl,
Da wallete manch Panier, manch Herze schwoll,
Da brannten Ritter und Mannen von hohem Mut,
Der Taillefer sang und schürte das Feuer gut.

Dann sprengt’ er hinein und führet den ersten Stoß,
Davon ein englischer Ritter zur Erde schoß,
Dann schwang er das Schwert und führte den ersten Schlag,
Davon ein englischer Ritter zu Boden lag.

Normannen sahn’s, die harrten nicht allzu lang,
Sie brache herein mit Geschrei und Schilderklang.
Hei! Sausende Pfeile, klirrender Schwerterschlag!
Bis Harald fiel und sein trotziges Heer erlag.

Herr Wilhelm steckte sein Banner auf’s blutige Feld,
Inmitten der Toten spannt’ er sein Gezelt,
Da saß er am Mahle, den goldnen Pokal in der Hand,
Auf dem Haupte die Königskrone von Engelland.

“Mein tapfrer Taillefer! Komm, trink mir Bescheid!
Du hast mir viel gesungen in Lieb’ und in Leid,
Doch heut’ im Hastingsfelde dein Sang und dein Klang,
Der tönet mir in den Ohren mein Leben lang.”

von Ludwig Uhland

Otto Julius Bierbaum - Gavotte des Verliebten


h1 23. August 2007 20:12 - Gedicht eingereicht von liebesgedichte

Wie ging ich durch mein Leben hin?
An einem roten Bande;
Dran führte mich meine Königin
Durch lauter selige Lande.
Bald auf, bald ab, bald quer, bald krumm,
Mal rechtsherum, mal linksherum,
Doch stets am Liebesbande.

So war ich Knecht mein Leben lang?
Der Knecht am roten Bande?
O nein: es war ein Königsgang
Durch unterworfene Lande;
Ein Königsgang, ein Königstanz,
In freier Kraft durch Glück und Glanz
Am roten Liebesbande.

von Otto Julius Bierbaum

Max Dauthendey - Die Krähe


h1 20. August 2007 22:26 - Gedicht eingereicht von liebesgedichte

Die Krähe

Es stehen die Bäume wie Sommerlauben,
Die Gräser wehen, und über die Felder voll Ähren
Gehen die Scharen der wilden Tauben.
Zwei schwarze Krähen blähen ihr finster Gefieder
Und stürzen versteckt zum Acker nieder.
Es blühen dunkelrot Kleeblüten am Wege,
Die leiden nicht an Honig Not.
Am Himmel glüht sich die Sonne tot
Und backt die Ähre und sorgt für Brot.
Das Herz ist wie eine Sommertaube,
Es schwimmt überm Staube selig und träge.
Leicht wird’s von der Leidenschaft hingestreckt
Wie von einer Krähe, die Taubenblut leckt.

von Max Dauthendey

Otto Julius Bierbaum - Fühle nur


h1 20. August 2007 20:11 - Gedicht eingereicht von liebesgedichte

Einsam bist du? Sieh, die vielen Sterne
Stehn, ein Weltenkranz, ob deinem Haupte,
Und die Lindenbäume, Kronenträger,
Schicken ihre Düfte dir ins Zimmer.
Fühle nur! Saug ein und gib dich wieder!
Schmähe niemand, schmäh auch dich nicht selber!
Denk: du darfst auf dieser reichen Erde
Durch den sonnenvollen Weltraum fliegen,
Und dein Herz gehört auch zu den Sternen,
Die ein bißchen Licht und Wärme strahlen.

von Otto Julius Bierbaum

Emanuel Geibel - So halt’ ich endlich dich umfangen


h1 20. August 2007 19:44 - Gedicht eingereicht von liebesgedichte

So halt’ ich endlich dich umfangen

So halt’ ich endlich dich umfangen,
In süßes Schweigen starb das Wort,
Und meine trunk’nen Lippen hangen
An deinen Lippen fort und fort.

Was nur das Glück vermag zu geben,
In sel’ger Fülle ist es mein:
Ich habe dich, geliebtes Leben,
Was braucht es mehr als dich allein?

O, decke jetzt des Schicksals Wille
Mit Nacht und Welt und ihre Zier,
Und nur dein Auge schwebte stille,
Ein blauer Himmel, über mir!

von Emanuel Geibel

Otto Julius Bierbaum - Flieder


h1 17. August 2007 20:10 - Gedicht eingereicht von liebesgedichte

Stille, träumende Frühlingsnacht …
Die Sterne am Himmel blinzeln mild,
Breit stand der Mond wie ein silbernes Schild,
In den Zweigen rauschte es sacht.
Arm in Arm und wie in Träumen
Unter duftenden Blütenbäumen
Gingen wir durch die Frühlingsnacht.

Der Flieder duftet berauschend weich;
Ich küsse den Mund dir liebeheiß,
Dicht überhäupten uns blau und weiß
Schimmern die Blätter reich.
Blüten brachst du uns zum Strauße,
Langsam gingen wir nach Hause,
Der Flieder duftete liebeweich …

von Otto Julius Bierbaum