Liebesgedichte von Uhland



Ludwig Uhland - Ver sacrum


h1 5. September 2007 22:11 - Gedicht eingereicht von liebesgedichte

Ver sacrum

Als die Latiner aus Lavinium
Nicht mehr dem Sturm der Feinde hielten Stand,
Da hoben sie zu ihrem Heiligtum,
Dem Speer des Mavors, flehend Blick und Hand.

Da sprach der Priester, der die Lanze trug:
“Euch künd’ ich, statt des Gottes, der euch grollt:
Nicht wird er senden günst’gen Vogelflug,
Wenn ihr ihm nicht den Weihefrühling zollt.”

“Ihm sei der Frühling heilig! - rief das Heer -
Und was der Frühling bringt, sei ihm gebracht!”
Da rauschten Fittiche, da klang der Speer,
Da ward geworden der Etrusker Macht.

Und jene zogen heim mit Siegesruf,
Und wo sie jauchzten, war die Gegend grün,
Feldblumen sprossten unter jedem Huf,
Wo Speere streiften, sah man Bäum’ erblühn.

Doch vor der Heimat Toren, am Altar,
Da harrten schon zum festlichen Empfang
Die Frauen und der Jungfrau’n helle Schar,
Bekränzt mit Blüte, welche heut’ entsprang.

Als nun verrauscht der freudige Willkomm,
Da trat der Priester auf den Hügel, stieß
In’s Grab den heil’gen Schaft, verneigte fromm
Sein Haupt und sprach vor allem Volke dies:

“Heil dir, der Sieg und gab im Todesgraus!
Was wir gelobten, das erfüllen wir.
Die Arme breit’ ich auf das Land hinaus
Und weihe diesen vollen Frühling dir.

Was jene Trift, die heerdenreiche, trug,
Das Lamm, das Zicklein flamme deinem Herd!
Das junge Rind erwachse nicht dem Pflug,
Und für die Zügel nicht das mut’ge Pferd!

Und was in jenen Blütengärten reift,
Was aus der Saat, der grünenden, gedeiht,
Es werde nicht von Menschenhand gestreift;
Dir sei es alles, alles dir geweiht!”

Schon lag die Menge schweigend auf den Knien,
Der gottgeweihte Frühling schwieg umher,
So leuchtend, wie kein Frühling je erschien,
Ein heil’ger Schauer waltet’ ahnungsschwer.

Und weiter sprach der Priester: “Schon gefreit
Wähnt ihr die Häupter, das Gelübd’ vollbracht?
Vergaßt ihr ganz die Satzung alter Zeit?
Habt ihr, was ihr gelobt, nicht vorbedacht?

Der Blüten Duft, die Saat im heitern Licht,
Die Trift, von neugebor’ner Zucht belebt,
Sind sie ein Frühling, wenn die Jugend nicht,
Die menschliche, durch sie den Reigen webt?

Mehr, als die Lämmer, sind dem Gotte wert
Die Jungfrau’n in der Jugend erstem Kranz,
Mehr als der Füllen auch hat er begehrt
Der Jünglinge im ersten Waffenglanz.

O nicht umsonst, ihr Söhne, waret ihr
Im Kampfe so von Gotteskraft durchglüht!
O nicht umsonst, ihr Töchter, fanden wir
Rückkehrend euch so wundervoll erblüht!

Ein Volk hast du vom Fall erlöst, o Mars!
Von Schmach der Knechtschaft hieltest du es rein,
Und willst dafür die Jugend eines Jahrs;
Nimm sie! sie ist dir heilig, sie ist dein.”

Und wieder warf das Volk sich auf den Grund,
Nur die Geweihten standen noch umher,
Von Schönheit leuchtend, wenn auch bleich der Mund,
Und heil’ger Schauer lag auf allen schwer.

Noch lag die Menge schweigend wie das Grab,
Dem Gotte zitternd, den sie erst beschwor,
Da flammt aus blauer Luft ein Strahl herab
Und traf den Speer und flammt’ auf ihm empor.

Der Priester hob dahin sein Angesicht,
Ihm wallte glänzend Bart und Silberhaar;
Das Auge strahlend von dem Himmelslicht,
Verkündigt’ er, was ihm eröffnet war:

“Nicht läßt der Gott von seinem heil’gen Raub,
Doch will er nicht den Tod, er will die Kraft;
Nicht will er einen Frühling, welk und taub,
Nein! einen Frühling, welcher treibt im Saft.

Aus der Latiner alten Mauern soll
Dem Kriegsgott eine neue Pflanzung gehn:
Aus diesem Lenz, innkräft’ger Keime voll,
Wird eine große Zukunft ihm erstehn.

Drum wähle jeder Jüngling sich die Braut,
Mit Blumen sind die Locken schon bekränzt,
Die Jungfrau folge dem, dem sie vertraut;
So zieht dahin, wo euer Stern erglänzt!

Die Körner, derer Halme jetzt noch grün,
Sie nehmet mit zur Aussaat in die Fern’,
Und von den Bäumen, welche jetzt noch blüh’n,
Verwahret euch den Schößling und den Kern!

Der junge Stier pflüg’ euer Neubruchland,
Auf eurer Weide führt das munt’re Lamm,
Das rasche Füllen spring’ an eurer Hand,
Für künft’ge Schlachten ein gesunder Stamm!

Denn Schlacht und Sturm ist euch vorausgezeigt,
Das ist ja dieses starken Gottes Recht,
Der selbst in eurer Mitte niedersteigt,
Zu zeugen eurer Könige Geschlecht.

In euren Tempeln haften wird sein Speer,
Da schlagen ihn die Feldherrn schütternd an,
Wenn sie ausfahren über Land und Meer
Und um den Erdkreis ziehn die Siegesbahn.

Ihr habt vernommen, was dem Gott gefällt,
Seht hin, bereitet euch, gehorchet still!
Ihr seid das Saatkorn einer neuen Welt;
Das ist der Weihefrühling, den er will.”

von Ludwig Uhland

Ludwig Uhland - Unstern


h1 30. August 2007 22:10 - Gedicht eingereicht von liebesgedichte

Unstern

Unstern, diesem guten Jungen,
Hat es seltsam sich geschickt.
Manches wär’ ihm fast gelungen,
Manches wär’ ihm schier geglückt.
Alle Glückesstern’ im Bunde
Hätten weihend ihm gelacht,
Wenn die Mutter eine Stunde
Früher ihn zur Welt gebracht.

Waffenruhm und Heldenehre
Hätten zeitig ihm geblüht,
War doch in dem ganzen Heere
Keiner so von Mut erglüht;
Nur als schon in wilden Wogen
Seine Schar zum Sturme drang,
Kam ein Bote hergeflogen,
Der die Friedensfahne schwang.

Nah ist Unsterns Hochzeitsfeier,
Hold und sittig glüht die Braut;
Sieh! da kommt ein reicher Freier,
Der die Eltern baß erbaut.
Dennoch hätte die Geraubte
Ihn als Witwe noch beglückt,
Wäre nicht der Totgeglaubte
Plötzlich wieder angerückt.

Reich wär’ Unstern noch geworden
Mit dem Gut der neuen Welt,
Hätte nicht ein Sturm aus Norden
Noch im Port das Schiff zerschellt.
Glücklich war er selbst entschwommen,
Einer Planke hatt’ er’s Dank,
Hatte schon den Strand erklommen,
Glitt zurück noch und versank.

In den Himmel, sonder Zweifel,
Würd’ er gleich gekommen sein,
Liefe nicht ein dummer Teufel
Just ihm in den Weg hinein.
Teufel meint, er sei die Seele,
Die er eben holen soll,
Packt den Unstern an der Kehle,
Rennt mit ihm davon wie toll.

Da erscheint ein lichter Engel
Rettend aus dem Nebelduft,
Donnert flugs den schwarzen Bengel
In die tiefste Höllenkluft,
Schwebt der goldnen Himmelsferne
Mit dem armen Unstern zu,
Über gut’ und böse Sterne
Führt’ er den zur ew’gen Ruh.

von Ludwig Uhland

Ludwig Uhland - Taillefer


h1 25. August 2007 22:09 - Gedicht eingereicht von liebesgedichte

Taillefer

Normannenherzog Wilhelm sprach einmal:
“Wer singet in meinem Hof und in meinem Saal?
Wer singet vom Morgen bis in die späte Nacht
So lieblich, daß mir das Herz im Leibe lacht?”

“Das ist der Taillefer, der so gerne singt
Im Hofe, wenn er das Rad am Brunnen schwingt,
Im Saale, wenn er das Feuer schüret und facht,
Wenn er abends sich legt und wenn er morgens erwacht.”

Der Herzog sprach: “Ich hab’ einen guten Knecht,
Den Taillefer, der dienet mir fromm und recht:
Er treibt mein Rad und schüret mein Feuer gut
Und singet so hell, das höhet mir den Mut.”

Da sprach der Taillefer: “Und wär’ ich frei,
Viel besser wollt’ ich dienen und singen dabei.
Wie wollt’ ich dienen dem Herzog hoch zu Pferd!
Wie wollt’ ich singen und klingen mit Schild und Schwert!”

Nicht lange, so ritt der Taillefer in’s Gefild
Auf einem hohen Pferde, mit Schwert und mit Schild.
Des Herzogs Schwester schaute vom Turm in’s Feld,
Sie sprach: “Dort reitet, bei Gott! Ein stattlicher Held.”

Und als er ritt vorüber an Fräuleins Turm,
Da sang er bald wie ein Lüftlein, bald wie ein Sturm.
Sie sprach: “der singet, das ist eine herrliche Lust!
Es zittert der Turm, und es zittert mein Herz in der Brust.”

Der Herzog Wilhelm fuhr wohl über das Meer,
Er fuhr nach Engelland mit gewaltigem Heer.
Er sprang vom Schiffe, da fiel er auf die Hand:
“Hei,” rief er, “ich fass’ und ergreife dich, Engelland!”

Als nun das Normannenheer zum Sturme schritt,
Der edle Taillefer vor den Herzog ritt:
“Manch Jährlein hab’ ich gesungen und Feuer geschürt,
Manch Jährlein gesungen und Schwert und Lanze gerührt.

Und hab’ ich euch gedient und gesungen zu Dank,
Zuerst als ein Knecht und dann als ein Ritter frank:
So laßt mich das entgelten am heutigen Tag,
Vergönnt mir auf die Feinde den ersten Schlag!”

Der Taillefer ritt vor allem Normannenheer
Auf einem hohen Pferde mit Schwert und Speer,
Er sang so herrlich, das klang über Hastingsfeld,
Von Roland sang er und manchem frommen Held.

Und als das Rolandslied wie ein Sturm erscholl,
Da wallete manch Panier, manch Herze schwoll,
Da brannten Ritter und Mannen von hohem Mut,
Der Taillefer sang und schürte das Feuer gut.

Dann sprengt’ er hinein und führet den ersten Stoß,
Davon ein englischer Ritter zur Erde schoß,
Dann schwang er das Schwert und führte den ersten Schlag,
Davon ein englischer Ritter zu Boden lag.

Normannen sahn’s, die harrten nicht allzu lang,
Sie brache herein mit Geschrei und Schilderklang.
Hei! Sausende Pfeile, klirrender Schwerterschlag!
Bis Harald fiel und sein trotziges Heer erlag.

Herr Wilhelm steckte sein Banner auf’s blutige Feld,
Inmitten der Toten spannt’ er sein Gezelt,
Da saß er am Mahle, den goldnen Pokal in der Hand,
Auf dem Haupte die Königskrone von Engelland.

“Mein tapfrer Taillefer! Komm, trink mir Bescheid!
Du hast mir viel gesungen in Lieb’ und in Leid,
Doch heut’ im Hastingsfelde dein Sang und dein Klang,
Der tönet mir in den Ohren mein Leben lang.”

von Ludwig Uhland

Ludwig Uhland - Schäfers Sonntagslied


h1 10. August 2007 22:06 - Gedicht eingereicht von liebesgedichte

Schäfers Sonntagslied

Das ist der Tag des Herrn!
Ich bin allein auf weiter Flur,
Noch eine Morgenglocke nur!
Nun Stille nah und fern.

Anbetend knie’ ich hier.
O süßes Graun! geheimes Wehn!
Als knieten viele ungesehn
Und beteten mit mir.

Der Himmel, nah und fern,
Er ist so klar und feierlich,
So ganz, als wollt’ er öffnen sich.
Das ist der Tag des Herrn!

von Ludwig Uhland

Ludwig Uhland - Roland Schildträger


h1 3. August 2007 22:05 - Gedicht eingereicht von liebesgedichte

Roland Schildträger

Der König Karl saß einst zu Tisch
Zu Aachen mit den Fürsten,
Man stellte Wildbret auf und Fisch
Und ließ auch keinen dürsten.
Viel Goldgeschirr von klarem Schein,
Manch roten, grünen Edelstein
Sah man im Saale leuchten.

Da sprach Herr Karl, der starke Held:
“Was soll der eitle Schimmer?
Das beste Kleinod in der Welt,
Das fehlt uns noch immer.
Dies Kleinod, hell wie Sonnenschein,
Ein Riese trägt’s im Schilde sein,
Tief im Ardennerwalde.”

Graf Richard, Erzbischof Turpin,
Herr Haimon, Naims von Baiern,
Milo von Anglant, Graf Garin,
Die wollten da nicht feiern.
Sie haben Stahlgewand begehrt
Und ließen satteln ihre Pferd’,
Zu reiten nach dem Riesen.

Jung Roland, Sohn des Milon, sprach:
“Lieb Vater! Hört, ich bitte!
Vermeint ihr mich zu jung und schwach,
Daß ich mit Riesen stritte,
Doch bin ich nicht zu winzig mehr,
Euch nachzutragen euern Speer
Samt euren guten Schilde.”

Die sechs Genossen ritten bald
Vereint nach den Ardennen,
Doch als sie kamen in den Wald,
Da täten sie sich trennen.
Roland ritt hinter’m Vater her;
Wie wohl ihm war, des Helden Speer,
Des Helden Schild zu tragen!

Bei Sonnenschein und Mondenlicht
Streiften die kühnen Degen,
Doch fanden sie den Riesen nicht
In Felsen und Gehegen.
Zur Mittagsstund’ am vierten Tag
Der Herzog Milon schlafen lag
In einer Eiche Schatten.

Roland sah in der Ferne bald
Ein Blitzen und ein Leuchten,
Davon die Strahlen in dem Wald
Die Hirsch’ und Reh’ aufscheuchten;
Er sah, es kam von einem Schild,
Den trug ein Riese, groß und wild,
Vom Berge niedersteigend.

Roland gedacht’ im Herzen sein:
“Was ist das für ein Schrecken?
Soll ich den lieben Vater mein
Im besten Schlaf erwecken?
Es wachet ja sein gutes Pferd,
Es wacht sein Speer, sein Schild und Schwert,
Es wacht Roland, der junge.”

Roland das Schwert zur Seite band,
Herrn Milons starke Waffen,
Die Lanze nahm er in die Hand
Und tät den Schild aufraffen.
Herrn Milons Roß bestieg er dann
Und ritt ganz sachte durch den Tann,
Den Vater nicht zu wecken.

Und als er kam zur Felsenwand
Da sprach der Ries’ mit Lachen:
“Was will doch dieser kleine Fant
Auf solchem Rosse machen?
Sein Schwert ist zwier so lang als er,
Vom Rosse zieht ihn schier der Speer,
Der Schild will ihn erdrücken.”

Jung Roland rief: “Wohlauf zum Streit!
Dich reuet noch dein Necken!
Hab’ ich die Tartsche lang und breit,
Kann sie mich besser decken;
Ein kleiner Mann, ein großes Pferd,
Ein kurzer Arm, ein langes Schwert,
Muß eins dem andern helfen.”

Der Riese mit der Stange schlug,
Auslangend in die Weite,
Jung Roland schwenkte schnell genug
Sein Roß noch auf die Seite.
Die Lanz’ er auf den Riesen schwang,
Doch von dem Wunderschilde sprang
Auf Roland sie zurücke.

Jung Roland nahm in großer Hast
Das Schwert in beide Hände;
Der Riese nach dem seinen faßt,
Er war zu unbehende!
Mit flinkem Hiebe schlug Roland
Ihm unter’m Schild die linke Hand,
Daß Hand und Schild entrollten.

Dem Riesen schwand der Mut dahin,
Wie ihm der Schild entrissen;
Das Kleinod, das ihm Kraft verliehn,
Mußt’ er mit Schmerzen missen.
Zwar lief er gleich dem Schilde nach,
Doch Roland in das Knie ihn stach,
Daß er zu Boden stürzte.

Roland ihn bei den Haaren griff,
Hieb ihm das Haupt herunter;
Ein großer Strom von Blute lief
In’s tiefe Tal herunter;
Und aus des Toten Schild hernach
Roland das lichte Kleinod brach
Und freute sich am Glanze.

Dann barg er’s unter’m Kleide gut
Und ging zu einer Quelle,
Da wusch er sich von Staub und Blut
Gewand und Waffen helle.
Zurücke ritt der jung’ Roland,
Dahin, wo er den Vater fand
Noch schlafend bei der Eiche.

Er legt’ sich an des Vaters Seit’,
Vom Schlafe selbst bezwungen,
Bis in der kühlen Abendzeit
Herr Milon aufgesprungen:
“Wach’ auf, wach’ auf, mein Sohn Roland!
Nimm Schild und Lanze schnell zur Hand,
Daß wir den Riesen suchen!”

Sie stiegen auf und eilten sehr,
Zu schweifen in der Wilde,
Roland ritt hinterm Vater her
Mit dessen Speer und Schilde.
Sie kamen bald zu jener Stätt’,
Wo Roland jüngst gestritten hätt’,
Der Riese lag im Blute.

Roland kaum seinen Augen glaubt,
Als nicht mehr war zu schauen
Die linke Hand, dazu das Haupt,
So er ihm abgehauen.
Nicht mehr des Riesen Schwert und Speer,
Auch nicht sein Schild und Harnisch mehr,
Nur Rumpf und blut’ge Glieder.

Milon besah den großen Rumpf:
“Was ist das für ‘ne Leiche?
Man sieht noch am zerhau’nen Stumpf,
Wie mächtig war die Eiche.
Das ist der Riese, frag’ ich mehr?
Verschlafen hab’ ich Sieg und Ehr’,
Drum muß ich ewig trauern.” -

Zu Aachen vor dem Schlosse stund
Der König Karl gar bange:
“Sind meine Helden wohl gesund?
Sie weilen allzu lange.
Doch seh’ ich recht, auf Königswort!
So reitet Herzog Haimon dort,
Des Riesen Haupt am Speere.”

Herr Haimon ritt in trübem Mut,
Und mit gesenktem Spieße
Legt’ er das Haupt, besprengt mit Blut,
Dem König vor die Füße:
“Ich fand den Kopf im wilden Hag,
Und fünfzig Schritte weiter lag
Des Riesen Rumpf am Boden.”

Bald auch der Erzbischof Turpin
Den Riesenhandschuh brachte,
Die ungefüge Hand noch drin,
Er zog sie aus und lachte:
“Das ist ein schön Reliquienstück,
Ich bring es aus dem Wald zurück,
Fand es schon zugehauen.”

Der Herzog Naims von Baierland
Kam mit des Riesen Stange:
“Schaut an, was ich im Walde fand!
Ein Waffen stark und lange.
Wohl schwitz’ ich von dem starken Druck,
Hei! Bairisch Bier ein guter Schluck
Sollt’ mir gar köstlich munden!”

Graf Richard kam zu Fuß daher,
Ging neben seinem Pferde,
Das trug des Riesen schwere Wehr,
Den Harnisch samt dem Schwerte:
“Wer suchen will im wilden Tann,
Manch Waffenstück noch finden kann,
Ist mir zu viel gewesen.”

Der Graf Garin tät ferne schon
Den Schild des Riesen schwingen.
“Der hat den Schild, des ist die Kron’,
Der wird das Kleinod bringen!”
“Den Schild hab’ ich, ihr lieben Herrn!
Das Kleinod hätt’ ich gar zu gern,
Doch das ist ausgebrochen.”

Zuletzt tät man Herrn Milon sehn,
Der nach dem Schlosse lenkte;
Er ließ das Rösslein langsam gehen,
Das Haupt er traurig senkte.
Roland kam hinter’m Vater her
Und trug ihm seinen starken Speer
Zusamt dem festen Schilde.

Doch wie sie kamen vor das Schloß
Und zu dem Herrn geritten,
Macht’ er von Vaters Schilde los
Den Zierrat in der Mitten;
Das Riesenkleinod setzt’ er ein,
Das gab so wunderbaren Schein,
Als wie die liebe Sonne.

Und als nun diese helle Glut
Im Schilde Milons brannte,
Da rief der König wohlgemut:
“Heil Milon von Anglante!
Der hat den Riesen übermannt,
Ihm abgeschlagen Haupt und Hand,
Das Kleinod ihm entrissen.”

Herr Milon hatte sich gewandt,
Sah staunend all’ die Helle:
“Roland, sag’ an, du junger Fant!
Wer gab dir das, Geselle?”
“Um Gott, Herr Vater, zürnt mir nicht,
Daß ich erschlug den groben Wicht,
Dieweil ihr eben schliefet!”

von Ludwig Uhland

Ludwig Uhland - Lied eines Armen


h1 30. Juli 2007 22:04 - Gedicht eingereicht von liebesgedichte

Lied eines Armen

Ich bin ein so gar armer Mann
Und gehe ganz allein.
Ich möchte wohl nur einmal noch
Recht frohen Mutes sein.

In meiner lieben Eltern Haus
War ich ein frohes Kind;
Der bittre Kummer ist mein Teil,
Seit sie begraben sind.

Der Reichen Gärten seh’ ich blüh’n,
Ich seh’ die goldne Saat:
Mein ist der unfruchtbare Weg,
Den Sorg’ und Mühe trat.

Doch weil’ ich gern mit stillem Weh
In froher Menschen Schwarm
Und wünsche jedem guten Tag
So herzlich und so warm.

O reicher Gott! du ließest doch
Nicht ganz mich freudenleer;
Ein süßer Trost für alle Welt
Ergießt sich himmelher.

Noch steigt in jedem Dörflein ja
Dein heilig Haus empor;
Die Orgel und der Chorgesang
Ertönet jedem Ohr.

Noch leuchtet Sonne, Mond und Stern
So liebevoll auch mir,
Und wenn die Abendglocke hallt,
So red’ ich, Herr, mit dir.

Einst öffnet jedem Guten sich
Dein hoher Freudensaal,
Dann komm’ auch im Feierkleid
Und setze mich an’s Mahl.

von Ludwig Uhland

Ludwig Uhland - Klein Roland


h1 25. Juli 2007 22:02 - Gedicht eingereicht von liebesgedichte

Klein Roland

Frau Berta saß in der Felsenkluft,
Sie klagt ihr bitt’res Los.
Klein Roland spielt in freier Luft,
Des Klage war nicht groß.

“O König Karl, mein Bruder hehr!
“O daß ich floh von dir!
Um Liebe ließ ich Pracht und Ehr’,
Nun zürnst du schrecklich mir.

“Die Dame hat nach meinem Sinn,
Den besten Diener der Welt.
Sie ist wohl Bettelkönigin,
Die off’ne Tafel hält?

So edle Dame darf nicht fern
Von meinem Hofe sein.
Wohlauf, drei Damen! auf, drei Herrn!
Führt sie zu mir herein!”

Klein Roland trägt den Becher flink
Hinaus zum Prunkgemach:
Drei Damen auf des Königs Wink,
Drei Ritter folgen nach.

Es stund nur an eine kleine Weil’,
Der König schaut in die Fern’
Da kehren schon zurück in Eil’
Die Damen und die Herrn.

Der König ruft mit einem Mal:
“Hilf, Himmel! seh ich recht?
Ich hab’ verspottet im off’nen Saal
Mein eignes Geschlecht.

Hilf, Himmel! Schwester Berta, bleich,
Im grauen Pilgergewand!
Hilf, Himmel! in meinem Prunksaal reich
Den Bettelstab in der Hand!”

Frau Berta fällt zu Füßen ihm,
Das bleiche Frauenbild.
Da regt sich plötzlich der alte Grimm,
Er blickt sie an so wild.

Frau Berta senkt die Augen schnell,
Kein Wort zu reden sich traut.
Klein Roland hebt die Augen hell,
Den Öhm begrüßt er laut.

Da spricht der König im milden Ton:
“Steh’ auf du Schwester mein!
Um diesen deinen lieben Sohn
Soll dir verziehen sein.”

Frau Berta hebt sich freudenvoll:
“Lieb Bruder mein! wohlan:
Klein Roland dir vergelten soll,
Was du mir Gut’s getan.

Soll werden seinem König gleich,
Ein hohes Heldenbild;
Soll führen die Farb’ von manchem Reich
In seinem Banner und Schild.

Soll greifen in manches Königs Tisch
Mit seiner freien Hand;
Soll bringen zu Heil und Ehre frisch
Sein seufzend Mutterland.”

von Ludwig Uhland

Ludwig Uhland - Die Ulme zu Hirsau


h1 20. Juli 2007 22:01 - Gedicht eingereicht von liebesgedichte

Die Ulme zu Hirsau

Zu Hirsau in den Trümmern
Da wiegt ein Ulmenbaum
Frischgrünend seine Krone
Hoch über’m Giebelsaum.

Er wurzelt tief im Grunde
Vom alten Klosterbau,
Er wölbt sich statt des Daches
Hinaus in Himmelblau.

Weil des Gemäuers Enge
Ihm Luft und Sonne nahm,
So trieb’s ihn hoch und höher,
Bis er zum Lichte kam.

Es ragten die vier Wände,
Als ob sie nur bestimmt,
Den kühnen Wuchs zu schirmen,
Der zu den Wolken klimmt.

Wenn dort im grünen Tale
Ich einsam mich erging,
Die Ulme war’s, die hehre,
Woran mein Sinnen hing.

Wenn in dem dumpfen, stummen
Getrümmer ich gelauscht,
Da hat ihr reger Wipfel
Im Windesflug gerauscht.

Ich sah ihn oft erglühen
Im ersten Morgenstrahl;
Ich sah ihn noch erleuchtet,
Wann schattig rings das Tal.

Zu Wittenberg im Kloster
Wuchs auch ein solcher Strauß
Und brach mit Riesenästen
Zum Klosterdach hinaus.

O Strahl des Lichts! du dringest
Hinab in jede Gruft.
O Geist der Welt! du ringest
Hinauf in Licht und Luft.

von Ludwig Uhland

Ludwig Uhland - Die Rache


h1 15. Juli 2007 22:00 - Gedicht eingereicht von liebesgedichte

Die Rache

Der Knecht hat erstochen den edlen Herrn,
Der Knecht wär selber ein Ritter gern.

Er hat ihn erstochen im dunklen Hain
Und den Leib versenket im tiefen Rhein.

Hat angeleget die Rüstung blank,
Auf des Herren Roß sich geschwungen frank.

Und als er sprengen will über die Brück’,
Da stutzet das Roß und bäumt sich zurück.

Und als er die güld’nen Sporen ihm gab,
Da schleudert’s ihn wild in den Strom hinab.

Mit Arm, mit Fuß er rudert und ringt,
Der schwere Panzer ihn niederzwingt.

von Ludwig Uhland

Ludwig Uhland - Die Münstersage


h1 10. Juli 2007 21:59 - Gedicht eingereicht von liebesgedichte

Die Münstersage

Am Münsterturm, dem grauen,
Da sieht man, groß und klein,
Viel Namen eingehauen,
Geduldig trägt’s der Stein.

Einst klomm die luft’gen Schnecken
Ein Musensohn heran,
Sah aus nach allen Ecken,
Hub dann zu meißeln an.

Von seinem Schlage knittern
Die hellen Funken auf,
Den Turm durchfährt ein Zittern
Vom Grundstein bis zum Knauf.

Da zuckt in seiner Grube
Erwin’s, des Meisters, Staub,
Da hallt die Glockenstube,
Da raucht manch steinernd Laub.

Im großen Bau ein Gären,
Als wollt’ er wunderbar
Aus seinem Stamm gebären,
Was unvollendet war. -

Der Name war geschrieben,
Von Wenigen gekannt;
Doch ist er stehn geblieben
Und längst mit Preis genannt.

Wer ist noch, der sich wundert,
Daß ihm der Turm erdröhnt,
Dem nun ein halb Jahrhundert
Die Welt des Schönen tönt?

von Ludwig Uhland






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