Sommer - Konfession - Frank Wedekind


Sommer - Konfession - Frank Wedekind 11. Januar 2010 08:56 - Gedicht eingereicht von romantikerin

Sommer - Konfession

Freudig schwör’  ich es mit jedem Schwure
Vor der Allmacht,  die mich züchtigen kann:
Wie viel lieber wär’  ich eine Hure
Als an Ruhm und Glück der reichste Mann!

Welt,  in mir ging dir ein Weib verloren,
Abgeklärt und jeder Hemmung bar.
Wer war für den Liebesmarkt geboren
So wie ich dafür geboren war?

Lebt’  ich nicht der Liebe treu ergeben
Wie es andre ihrem Handwerk sind?
Liebt’  ich nur ein einzig Mal im Leben
Irgendein bestimmtes Menschenkind?

Lieben?  -  Nein,  das bringt kein Glück auf Erden.
Lieben bringt Entwürdigung und Neid.
Heiß und oft und stark geliebt zu werden,
Das heißt Leben,  das ist Seligkeit!

Oder sollte Schamgefühl mich hindern,
Wenn sich erste Jugendkraft verliert,
Jeden noch so seltnen Schmerz zu lindern,
Den verwegne Phantasie gebiert?

Schamgefühl?  -  Ich hab es oft empfunden;
Schamgefühl nach mancher edlen Tat;
Schamgefühl vor Klagen und vor Wunden;
Scham, wenn endlich sich Belohnung naht.

Aber Schamgefühl des Körpers wegen,
Der mit Wonnen überreich begabt?
Solch ein Undank hat mir fern gelegen,
Seit mich einst der erste Kuss gelabt!

Und ein Leib, vom Scheitel bis zur Sohle
Allerwärts als Hochgenuss begehrt…
Welchem reinern, köstlichern Idole
Nachzustreben, ist dies Dasein wert?

Wenn der Knie leiseste Bewegung
Kraft erzeugend wirkt wie Feuersglut,
Und die Kraft,  aus wonniger Erregung,
Sich zu überbieten, nicht mehr ruht;

Immer unverwüstlicher und süßer,
Immer klarer im Genuss geschaut,
Dass es statt vor Ohnmacht dem Genießer
Nur vor seiner Riesenstärke graut…

Welt, wenn ich von solchem Zauber träume,
Dann zerstiebt zu nichts,  was ich getan;
Dann preis’  ich das Dasein und ich bäume
Zu den Sternen mich vor Größenwahn!

Unrecht wär’s,  wollt’  ich der Welt verhehlen,
Was mein Innerstes so wild entflammt,
Denn vom Beifall vieler braver Seelen
Frag’ ich mich umsonst, woraus er stammt.

von Frank Wedekind

Meinem liebsten Mädel - Ludwig Thoma


Meinem liebsten Mädel - Ludwig Thoma 9. Januar 2010 10:13 - Gedicht eingereicht von romantikerin

Mein Herz mußt in die Irre geh’n,
Es mußt ihm alles Leid gescheh’n,
Nun nimm’s in beide Hände!
Und halt es fest und schließ es ein!
Dann solls noch einmal glücklich sein
Und fröhlich ohne Ende.

Das Glück, das klopfte bei mir an,
Stand vor der Tür und wollt herein;
Ich hab ihm doch nicht aufgetan,
Da mocht’s nicht länger draußen sein.

Es ging so leise, wie es kam.
Ich hört es nicht, ich sah es nicht,
Doch fühlt ich, wie es Abschied nahm.
In meiner Brust erlosch ein Licht

(Ludwig Thoma, 1867-1921)

Bettlerliebe - Theodor Storm


Bettlerliebe - Theodor Storm 8. Januar 2010 01:04 - Gedicht eingereicht von romantikerin

Bettlerliebe

O lass mich nur von Ferne stehn
Und hangen stumm an deinem Blick;
Du bist so jung, du bist so schön,
Aus deinen Augen lacht das Glück.
Und ich so arm,  so müde schon,
Ich habe nichts,  was dich gewinnt.
O wär ich doch ein Königssohn
Und du ein arm verlornes Kind!

Theodor Storm

Nun hast auch du - Christian Morgenstern


Nun hast auch du - Christian Morgenstern 7. Januar 2010 23:05 - Gedicht eingereicht von romantikerin

Nun hast auch du

Nun hast auch du, mein Herze,
dein großes Liebesleid,
nun bist auch du vom Schmerze
gesegnet und geweiht.

Von heut ab wird dein Klagen
nicht tändeln mehr wie einst,
und auch dein schönstes Sagen
wird sein, als ob du weinst.

Christian Morgenstern

Frühling Ilse - Frank Wedekind


Frühling Ilse - Frank Wedekind 7. Januar 2010 22:55 - Gedicht eingereicht von romantikerin

Frühling Ilse

Ich war ein Kind von fünfzehn Jahren,
Ein reines unschuldsvolles Kind,
Als ich zum ersten Mal erfahren,
Wie süß der Liebe Freuden sind.

Er nahm mich um den Leib und lachte
Und flüsterte:  O welch ein Glück!
Und dabei bog er sachte,  sachte
Den Kopf mir auf das Pfühl zurück.

Seit jenem Tag lieb’  ich sie alle,
Des Lebens schönster Lenz ist mein;
Und wenn ich keinem mehr gefalle,
Dann will ich gern begraben sein.

von Frank Wedekind  

Am Busen der Natur - Ludwig Thoma


Am Busen der Natur - Ludwig Thoma 6. Januar 2010 08:09 - Gedicht eingereicht von romantikerin

Neulich ist mein Alter
Mit mir promeniert,
Und er hat mich schleunig
Auf das Land geführt,
Weil man dort, so sagt er,
Noch das Echte sieht,
Was uns stärkt fürs Leben
Und dabei erzieht.

Auf ein Schwalbennestchen
Hat er hingespitzt,
Wo die Schwalbenmutter
Auf den Eiern sitzt.
Siehst du, Wally, sagt er,
Dieses ist Natur;
Nimm an diesem Tierchen
Dir ein Beispiel nur.

Lerne hier begreifen
- ’s wäre höchste Zeit -,
Daß den wahren Segen
Bringt die Häuslichkeit.
Nicht in Kleidern, sagt er,
Suche all dein Glück,
Kehre reuig wieder
Zur Natur zurück!

Als wir weitergingen,
Blieb ich plötzlich stehn,
Denn ein schönes Schauspiel
Hab’ ich da gesehn.
Sieben Hennen standen
Um den Gockelhahn,
Eine jede hatte
Ihre Freud’ daran.

Siehst du, Adolf, sagt’ ich,
Dieses ist Natur,
Nimm an diesem Tierchen
Dir ein Beispiel nur!
Wenn das Echte wirklich
Uns erzieht und stärkt,
Warum, Adolf, fragt’ ich,
Hab’ ich nichts gemerkt?

(Ludwig Thoma, 1867-1921)

Ein Blick ins Damenbad - Ludwig Thoma


Ein Blick ins Damenbad - Ludwig Thoma 4. Januar 2010 21:08 - Gedicht eingereicht von romantikerin

Nicht all und jedes, meine Beste,
Ist reizend, was Ihr Kleid verhehlt.
Denn manches, was das Mieder preßte,
Wird schwabbelig, wenn dieses fehlt.

Ein hübscher Stiefel, schöne Strümpfe
Beschwindeln uns oft sonderbar.
Man sieht mit Schrecken, daß die Nymphe
Gespickt mit Hühneraugen war.

Ich spreche nicht von Hinterfronten,
Die, ungebührlich aufgebauscht,
Uns nur so lang bezaubern konnten,
Als schwere Seide sie umrauscht.

Das Nackte kann die Tugend stärken,
Und vieles reizt uns nur umflort.
Ich konnt’ es durch die Wand bemerken,
Als ich ein Loch hineingebohrt.

(Ludwig Thoma, 1867-1921)

Der Gesang der Delphine von Susanne Ulrike Maria Albrecht


Der Gesang der Delphine von Susanne Ulrike Maria Albrecht 31. Dezember 2009 16:41 - Gedicht eingereicht von romantikerin

Stille
Besänftigt die tosende Brandung
Sphärenharmonie steigt zum Himmel empor
Der Gesang der Delphine
Ein Kuss an der Wasseroberfläche
Sie gleiten übers Meer
Der Sonne des Glücks entgegen

Susanne Ulrike Maria Albrecht (http://engel0311.jimdo.com/)

Die verhassten Stacheln


Die verhassten Stacheln 3. Dezember 2009 19:15 - Gedicht eingereicht von romantikerin

Was spitz und stachlicht ist, das hasst das Frauen-Zimmer
Es schreit, wenn ihre Hand ein scharfes Ding berührt,
Wenn es die Rosen bricht, schilt es die Stacheln immer,
Die deren Purpur-Zier zur Wache bei sich führt.
Das Honig liebt es zwar, doch aber nicht die Bienen,
Deren scharf Gewehr oft ihre Haut verletzt,
Es liebt das weiche Blatt der glänzenden Jesminen,
Die Dornen aber nicht, die in den Zaun gesetzt.
Die Nadel muss ihm zwar im Putze Dienste leisten,
Allein die Spitze ist, sobald sie sticht, veracht’.
Dies ging’ noch alles hin, doch kränkt uns dies am meisten,
Dass unsers Mundes-Zier auch wird dazu gemacht.
Sie mögen herzlich gern von uns die Küsse nehmen,
Wenn unser Mannheit-Schmuck nicht um die Lippen steht,
Denn aber will der Mund sich nicht dazu bequemen,
Wenn ihnen nur der Bart in ihre Haut eingeht.
Sind aber, Kinder, euch die Stacheln auch verhasset,
Die eurer Jungfernschaft den lieben Tod antun?
Nein! denn er wird von euch an solchem Ort gefasset,
Dass ihr im Stechen könnt in süßer Wollust ruhn.
Der Stachel ists, der euch alleine will gefallen,
Da ander Stacheln euch zumahl verhasset sein,
Den Stachel liebet ihr an uns vor andern allen,
Weil er so zärtlich sticht euch eine Wunde ein.
Allein, ihr seid betört, dass ihr den Stachel liebet,
Der mit dem süßen Stich euch allzu schädlich ist,
Gesetzt, dass euch ein Dorn, ein Bart Verletzung giebet,
So stirbt die Ehr doch nicht, die bald das Grab-Mahl küsst.
Hasst doch die Stacheln nicht, die euch nicht schaden können,
Vertragt der Dornen Stich des Bartes auch darbei,
Der Schmerz, der davon kommt, pflegt leichte zu zerrinnen,
Und glaubt, der süsse Stich macht viel Beschwererei.

Autor: Celander (um 1700)

Lieben und geliebet werden ist das höchste Vergnügen


Lieben und geliebet werden ist das höchste Vergnügen 2. Dezember 2009 19:13 - Gedicht eingereicht von romantikerin

Was ist Vergnüglichers im ganzen Rund der Erden,
Als Lieben und zugleich mit Ernst geliebet werden?
Was ist Annehmlichers als ein ambrierter Kuss,
Den reine Liebe schenkt aus innerm Herzen-Fluss?
Was ist erquickender als schöne Brust-Granaten,
Worinnen Milch und Blut zur Kühlung hingeraten?
Was ist Bezaubernders als der gewölbte Schoß,
Der uns entzücket, macht der satten Sinnen los?
Was ist verzuckerter als feuriges Umhalsen,
Das Honig-Kuchen macht aus bittern Wermuts-Salzen?
Was ist anmutiger als ein polierter Leib
Von zartem Helfenbein zur Nächte Zeit-Vertreib?
Was ist Gewünscheters, als Leib an Leiber leimen,
Und feuchten Perlen-Tau in Liebes-Muscheln schäumen?
Was ist entzückender als in der Muschel ruhn,
Wo Lust und Kitzelung der Wollust Tor auftun?
Was ist begierlicher, als da den Eintritt nehmen,
Wo Perl und Perlen-Milch das seichte Feld besämen?
Nichts ist Vergnüglichers, nichts, das mehr Wollust schafft,
Als wenn nur gleicher Will in beider Herzen haft’.
Nichts ist, das mehr erquickt, das mehr die Geister blendet,
Als wenn man seine Brunst im Schoß zur Kühlung sendet,
Nichts ist verzuckerter, nichts kommt gewünschter an,
Als wenn man in der Lieb sich recht ergötzen kann.

Autor: Celander (um 1700)