Juni, 2007



Emanuel Geibel - Du bist so still, so sanft, so innig


h1 25. Juni 2007 19:26 - Gedicht eingereicht von liebesgedichte

Du bist so still, so sanft, so innig

Du bist so still, so sanft, so innig,
Und schau’ ich dir ins Angesicht,
Da leuchtet mir verständnisinnig
Der dunklen Augen frommes Licht.

Nicht Worte gibst du dem Gefühle,
Du redest nicht, du lächelst nur;
So lächelt in des Abends Kühle
Der lichte Mond auf Wald und Flur.

In Traumesdämmerung allmählich
Zerrinnt die ganze Seele mir,
Und nur das e i n e fühl’ ich selig,
Daß ich vereinigt bin mit dir.

von Emanuel Geibel

Emanuel Geibel - Wohl lag ich einst in Gram und Schmerz


h1 23. Juni 2007 19:56 - Gedicht eingereicht von liebesgedichte

Wohl lag ich einst in Gram und Schmerz,
Da weint’ ich Nacht und Tag;
Nun wein’ ich wieder, weil mein Herz
Sein Glück nicht fassen mag.

Mir ist’s, als trüg’ ich in der Brust
Das ganze Himmelreich -
O höchstes Leid, o höchste Lust,
Wie seid ihr euch so gleich!

von Emanuel Geibel

Anna Ritter - Erinnerung


h1 20. Juni 2007 22:31 - Gedicht eingereicht von liebesgedichte

Erinnerung

Wie wohl zur Abendzeit des Windes Welle
Noch einen Nachhall froher Lieder wiegt,
Und auf des Himmels schon umflorter Schwelle
Der Sonne letzte, rote Rose liegt,
So halte ich im innersten Gemüte
Dein Wesen noch, und meine Seele neigt
Sich still vor der Erinnrung Wunderblüte,
Die dieser Jahre bangem Schoß entsteigt.

von Anna Ritter

Max Dauthendey - Das Feuer will gebären


h1 20. Juni 2007 22:17 - Gedicht eingereicht von liebesgedichte

Das Feuer will gebären

Mohnblumen rot umgehen,
Wie Feuerfahnen wehen.
Es trutzt des Stieres Horn,
Voll Brand ist jeder Dorn.

Am Himmel wogt ein Blitzen,
Ein Zünden und Verheeren.
Das Feuer will sich mehren
Und will nicht stille sitzen.

Die schwülen Wolken schwären,
Die Wolken um sich schlagen,
Und Feuersbrünste ragen -
Das Feuer will gebären.

von Max Dauthendey

Ludwig Uhland - Des Sängers Fluch


h1 20. Juni 2007 21:01 - Gedicht eingereicht von liebesgedichte

Des Sängers FluchEs stand in alten Zeiten ein Schloß so hoch und hehr,
Weit glänzt’ es über die Lande bis an das blaue Meer,
Und rings von duft’gen Gärten ein blütenreicher Kranz,
D’rin sprangen frische Brunnen in Regenbogenglanz.

Dort saß ein stolzer König, an Land und Siegen reich.
Er saß auf seinem Throne so finster und so bleich;
Denn was er sinnt, ist Schrecken, und was er blickt, ist Wut,
Und was er spricht, ist Geißel, und was er schreibt, ist Blut.

Einst zog nach diesem Schlosse ein edles Sängerpaar:
Der ein’ in goldnen Locken, der andre grau von Haar;
Der Alte mit der Harfe, der saß auf schmucken Roß,
Es schritt ihm frisch zur Seite der blühende Genoß.

Der Alte sprach zum Jungen: “Nun sei bereit, mein Sohn!
Denk’ unsrer tiefsten Lieder, stimm’ an den vollsten Ton,
Nimm alle Kraft zusammen, die Lust und auch den Schmerz;
Es gilt uns heut’ zu rühren des Königs steinern Herz.”

Schon stehn die beiden Sänger im hohen Säulensaal,
Und auf dem Throne sitzen der König und sein Gemahl;
Der König furchtbar prächtig, wie blut’ger Nordlichtschein,
Die Königin süß und milde, als blickte Vollmond drein.

Da schlug der Greis die Seiten, er schlug sie wundervoll,
Daß reicher, immer reicher der Klang zum Ohre schwoll.
Dann strömte himmlisch helle des Jünglings Stimme vor,
Des Alten Sang dazwischen wie dumpfer Geisterchor.

Sie singen von Lenz und Liebe, von sel’ger, goldner Zeit,
Von Freiheit, Männerwürde, von Treu’ und Heiligkeit;
Sie singen von allem Süßen, was Menschenbrust durchbebt,
Sie singen von allem Hohen, was Menschenherz erhebt.

Die Höflingsschar im Kreise verlernet jeden Spott,
Des Königs trotz’ge Krieger, sie beugen sich vor Gott,
Die Königin, zerflossen in Wehmut und in Lust,
Sie wirft den Sängern nieder die Rose von ihrer Brust.

“Ihr habt mein Volk verführet, verlockt ihr nun mein Weib?”
Der König schreit es wütend, er bebt am ganzen Leib.
Er wirft sein Schwert, das blitzend des Jünglings Brust durchdringt,
Draus, statt der goldnen Lieder, ein Blutstrahl hoch aufspringt.

Und wie vom Sturm zerstoben ist all’ der Hörer Schwarm;
Der Jüngling hat verröchelt in seines Meisters Arm,
Der schlägt um ihn den Mantel und setzt ihn auf das Roß,
Er bind’t ihn aufrecht feste, verläßt mit ihm das Schloß.

Doch vor dem hohen Tore, da hält der Sängergreis,
Da faßt er seine Harfe, sie, aller Harfen Preis,
An einer Marmorsäule, da hat er sie zerschellt,
Dann ruft er, daß es schaurig durch Schloß und Gärten gellt:

“Weh’ euch, ihr stolzen Hallen! Nie töne süßer Klang
Durch eure Räume wieder, nie Saite noch Gesang,
Nein, Seufzer nur und Stöhnen und scheuer Sklavenschritt,
Bis euch zu Schutt und Moder der Rachegeist zertritt!

“Weh’ euch, ihr duft’gen Gärten im holden Maienlicht!
Euch zeig’ ich dieses Toten entstelltes Angesicht,
Daß ihr darob verdorret, daß jeder Quell versiecht,
Daß ihr in künft’gen Tagen versteint, verödet liegt.

“Weh’ dir, verruchter Mörder! du Fluch des Sängertums!
Umsonst sei all’ dein Ringen nach Kränzen blut’gen Ruhms;
Dein Name sei vergessen, in ew’ge Nacht getaucht,
Sei, wie ein letztes Röcheln, in leere Luft verhaucht!”

Der Alte hat’s gerufen, der Himmel hat’s gehört;
Die Mauern liegen nieder, die Hallen sind zerstört,
Noch eine hohe Säule zeugt von verschwund’ner Pracht,
Auch diese, schon geborsten, kann stürzen über Nacht.

Und rings, statt duft’ger Gärten, ein ödes Heideland:
Kein Baum verstreuet Schatten, kein Quell durchdringt den Sand;
Des Königs Namen meldet kein Lied, kein Heldenbuch:
Versunken und vergessen! - das ist des Sängers Fluch.

Autor: Ludwig Uhland

Emanuel Geibel - Wenn sich zwei Herzen scheiden


h1 20. Juni 2007 19:55 - Gedicht eingereicht von liebesgedichte

Wenn sich zwei Herzen scheiden,
Die sich dereinst geliebt,
Das ist ein großes Leiden,
Wie’s größ’res nimmer gibt.
Es klingt das Wort so traurig gar:
Fahr wohl, fahr wohl auf immerdar!
Wenn sich zwei Herzen scheiden,
Die sich dereinst geliebt.

Als ich zuerst empfunden,
Daß Liebe brechen mag:
Mir war’s, als sei verschwunden
Die Sonn’ am hellen Tag.
Mir klang’s im Ohre wunderbar:
Fahr wohl, fahr wohl auf immerdar!
Da ich zuerst empfunden,
Daß Liebe brechen mag.

Mein Frühling ging zu Rüste,
Ich weiß es wohl, warum,
Die Lippe, die mich küßte,
Ist worden kühl und stumm.
Das eine Wort nur sprach sie klar:
Fahr wohl, fahr wohl auf immerdar!
Mein Frühling ging zu Rüste,
Ich weiß es wohl, warum.

von Emanuel Geibel

Emanuel Geibel - Wie es geht


h1 17. Juni 2007 19:55 - Gedicht eingereicht von liebesgedichte

Sie redet ihr zu: “Er liebt dich nicht,
Er spielt mit dir!” da senkt sie das Haupt
Und Tränen perlten ihr vom Angesicht,
Wie Tau von Rosen. Weh! daß sie’s geglaubt,
Denn als er kam und zweifelnd fand die Braut,
Ward er voll Trotz, nicht trübe wollt’ er scheinen;
Er sang und spielte, trank und lachte laut -
Um dann die Nacht hindurch zu weinen.

Wohl pocht ein guter Engel an ihr Herz
- Er ist doch treu, gib ihm die Hand, o gib! -
Wohl fühlt auch er durch Bitterkeit und Schmerz
“Sie liebt dich doch, sie ist ja doch dein Lieb,”
Ein freundlich Wort nur sprich, ein Wort vernimm,
So ist der Zauber, der euch trennt, gebrochen!
Sie gingen, sah’n sich - o, der Stolz ist schlimm -
Das eine Wort blieb ungesprochen.

So schieden sie! und wie im Münsterchor
Verglimmt der Altarlampe roter Glanz,
Erst wird er matt - dann flackert er empor
Noch einmal hell, - und dann verlischt er ganz,
So starb die Lieb’ in ihnen, erst beweint,
Dann heiß zurückersehnt und dann vergessen.
Bis sie zuletzt, es sei ein Wahn gemeint,
Daß sie sich je dereinst besessen.

Nur manchmal fuhren sie im Mondenlicht
Vom Kissen auf, von Tränen war es naß,
Und naß von Tränen war auch ihr Gesicht,
Geträumet hatten sie - ich weiß nicht was,
Dann dachten sie der alten schönen Zeit
Und an ihr nichtig Zweifeln, an ihr Scheiden,
Und wie sie nun so weit, so ewig weit!
O, Gott vergib! - vergib den beiden!

von Emanuel Geibel

Emanuel Geibel - Die Küsse


h1 15. Juni 2007 22:45 - Gedicht eingereicht von liebesgedichte

Die Küsse

In Saloniki war es nicht,
Nicht war’s im schmucken Städtchen,
Im am Wlachenland liebt’
Ich einer Witwe Mädchen.

Jetzt schmückte, Mutter, schmück’ das Haus,
Und schmücke deinen Garten!
Die Tochter dein so hold und fein
Soll mich als Braut erwarten.

Sie hat die Lippen rosenrot
Gefärbt mit rotem Scheine;
Ich neige mich und küsse sie,
Und färbte auch die meinen.

In dreien Flüssen wusch ich sie
Und färbte rot die Flüsse,
Und färbte rot das Meer dazu
Durch ihre roten Küsse.

von Emanuel Geibel

Anna Ritter - Einsamer Abend


h1 15. Juni 2007 22:31 - Gedicht eingereicht von liebesgedichte

Einsamer Abend

Im Nachtwind blähn sich leise die Gardinen,
Ein Falter wagt den Todesflug ins Licht
Und büßt den Fürwitz. Mit gelassnen Mienen

Schau ich ihm zu - es ist der Erde nicht,
Den dumpfe Sehnsucht in die Glut getragen,
Und der im Sturz den kecken Nacken bricht!

Vom Rathausturm hör’ ich die Uhren schlagen.
Die Töne dringen wuchtig zu mir her,
Als wollte jeder einzelne mir sagen:

“Tu deine Pflicht - du hast nichts Andres mehr.
Ich neige meine Stirn der harten Kunde -
Heut’ wird die Last der Einsamkeit mir schwer!

Mein Herz begehrt in dieser dunklen Stunde
Nach einem Herzen, das ihm Heimat wär’,
Nach einem Wort aus liebem Menschenmunde!

von Anna Ritter

Max Dauthendey - Das Dunkel sitzt in den Toren


h1 15. Juni 2007 22:16 - Gedicht eingereicht von liebesgedichte

Das Dunkel sitzt in den Toren

Zur Nachtzeit wachsen den Gassen,
Den Winkeln heimliche Ohren.
Das Dunkel steht gelassen
Und horchend unter Toren.

Denn was die Füße der Leute,
Die übers Pflaster klappern,
Am Tage schwätzten heute,
Das möchten die Steine plappern.

Dann hörst Du Schritte um Ecken,
Und niemand kommt gegangen.
Es spielen da Schritte Verstecken,
Schritte, die längst verklangen.

Hörst einen hastig rennen,
Als möchte sein Leben sich sputen.
Du kannst sein Seufzen erkennen,
Als müßten die Füße ihm bluten.

Hörst leichte trippelnde Sohlen,
Die möchten gar nicht eilen;
Und schwere folgen verstohlen,
Mit ihnen das Pflaster zu teilen.

Das Dunkel sitzt in den Toren,
Und tote Schritte rauschen.
Das Dunkel ist voller Ohren
Und möchte vom Tag was erlauschen.

von Max Dauthendey