Liebeskummer Gedichte

Gedichte sind Ausdruck unserer emotionalen Verfassung. Welches menschliche Gefühl könnte sich besser als Gedichtvorlage eignen als Liebeskummer? Einige wenige Menschen haben einen souveränen Umgang damit erlernt; alle anderen empfinden Liebeskummer als tiefen Schmerz über den Verlust eines Menschen, den sie geliebt haben und mit dem sie diese Liebe nicht mehr teilen können. Liebeskummer-Gedichte sind Ausdruck unserer tiefsten, verborgensten Gefühle, geschriebene Hilferufe, schriftliche Verarbeitung – sie können alles sein, vor allem aber Trost für andere unglücklich Verliebte, die unsere Worte lesen, wenn sie in der gleichen Verfassung sind.

Liebeskummer Gedichte

Liebeskummer: ein intensives Gefühl

Gedichte entstehen aus intensiven Gefühlsregungen heraus. Liebeskummer ist eine der Gefühlsregungen, die uns am stärksten beeinflussen, denn Liebe in all ihren Ausprägungen ist sehr mächtig und zieht selbst am gefühlskältesten Menschen nie spurlos vorüber. Liebe selbst ist eins der schönsten erfüllendsten Gefühle der Welt und zugleich ein menschliches Grundbedürfnis; umso mehr tut es uns weh, wenn wir sie verlieren oder die schwere Entscheidung treffen, die Liebe gehen zu lassen. Liebeskummer gehört deswegen zu den häufigsten Gründen, die Feder in die Hand zu nehmen (oder das Textverarbeitungsprogramm zu öffnen) und ein Gedicht darüber zu verfassen. Liebeskummer-Gedichte waren schon immer eine Möglichkeit, sich dann Gehör zu verschaffen, wenn schon keiner mehr zugehört hat, denn für schöne und berührende Worte findet man immer Zeit. Häufig waren und sind sie auch nur eine Möglichkeit, für uns selbst mit der Verarbeitung zu beginnen und die Phasen des Liebeskummers aktiv zu bewältigen. Unglücklich Verliebte können sich durch ihre emotionale Verfassung bestens mit den Gefühlen eines Liebeskummer-Gedichts identifizieren, sie fühlen sich vom Verfasser verstanden und das vermittelt ihnen die Sicherheit, nicht ganz alleine zu sein und eine normale, zu erwartende Entwicklung durchzumachen, die auch andere vor ihm überstanden haben. So schwer der Liebeskummer auch sein mag – Liebeskummer-Gedichte spenden eine Art von Trost, die selbst das stundenlange Gespräch mit dem besten Freund nicht geben könnte.



Liebeskummer-Gedichte – damals und heute

Liebeskummer gab es schon immer und es gibt ihn auch heute noch. In früheren Formen der Gesellschaft wurde Liebeskummer aber anders gelebt und musste oft versteckt werden, denn niemand durfte erahnen, wen der Poet oder die Poetin in ihrem Gedicht so leidenschaftlich beschrieb. Der römische Dichter Catull beispielsweise verliebte sich unsterblich in eine natürlich verheiratete Frau, der er die Lesbia-Gedichte widmete, denn von der vermutlich gescheiterten Affäre durfte im antiken Rom keinesfalls jemand erfahren. Genauso erging es Männern und Frauen in den vergangenen Jahrhunderten. Ebenfalls sehr bekannt ist das verliebte Gedicht „She walks in Beauty“ von Lord Byron, der damit eine Cousine meinte, die er ebenfalls nicht namentlich nennen durfte. Liebeskummer-Gedichte waren in früheren Jahrhunderten Ausdruck einer verbotenen Anziehung oder einer bitteren Enttäuschung nach einer Liebesbeziehung, aus der niemals mehr hätte werden können. Heute ist die Spanne der Möglichkeiten ebenfalls breit gefächert und wir drücken mit Liebeskummer-Gedichten ganz unterschiedliche Varianten von Enttäuschung über die Liebe aus. Durch die gelockerten gesellschaftlichen Auffassungen der Liebe haben wir heute natürlich auch eine breitere Spanne an Möglichkeiten, durch die Liebe verletzt zu werden. Entsprechend groß ist die Vielfalt der moderneren Liebeskummer-Gedichte.

Trost oder Salz in die Wunde

Wenn Menschen ein Problem haben oder stark in ihre Gefühlswelt involviert sind, wollen sie darüber sprechen – zumindest manche. Andere ziehen sich zurück, werden nachdenklich, wollen sich in aller Abgeschiedenheit mit ihrem Liebeskummer befassen. Nur sehr selten schweigen wir ihn tot und wollen in dieser Zeit vom Liebeskummer nichts wissen. Liebeskummer-Gedichte sind eine Möglichkeit, sich mit der eigenen Gefühlswelt in dieser Zeit auseinanderzusetzen und mit ihr zurechtzukommen. Auf diesem Wege können wir beginnen, uns darüber klar zu werden, wie wir zum Liebeskummer stehen. In Liebeskummer-Gedichten fühlen wir uns in unserer derzeitigen Gefühlslage wiedererkannt und verstanden. Auch, wenn wir letztendlich mit keinem Menschen geredet haben, indem wir uns ein Gedicht durchgelesen haben, verhilft es uns zu mehr Klarheit, gibt uns neue Denkanstöße und ist eine optimale Möglichkeit, den Liebeskummer gedanklich zu bewältigen. Einflüsse von außen durch Liebeskummer-Gedichte sind uns in der betroffenen Phase immer willkommen, ganz gleich, wie wir im Einzelfall um eine verlorene Liebe trauern.

Leere – Christian Morgenstern

Leere

Mein Herz ist leer,
ich liebe dich
nicht mehr.

Erfülle mich!
Ich rufe bitterlich
nach dir.

Im Traume zeig
dich mir
und neig
dich zu mir her!

Erfülle mich
mit dir
auf ewiglich!

Ich trag’s nicht mehr, –
ich liebe dich
zu sehr.

Christian Morgenstern


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Die Stunde schlug – Theodor Storm

Die Stunde schlug

Die Stunde schlug, und deine Hand
Liegt zitternd in der meinen,
An meine Lippen streiften schon
Mit scheuem Druck die deinen.

Es zuckten aus dem vollen Kelch
Elektrisch schon die Funken;
O fasse Mut,  und fliehe nicht,
Bevor wir ganz getrunken!

Die Lippen, die mich so berührt,
Sind nicht mehr deine eignen;
Sie können doch,  solang du lebst,
Die meinen nicht verleugnen.

Die Lippen, die sich so berührt,
Sind rettungslos gefangen;
Spät oder früh,  sie müssen doch
Sich tödlich heimverlangen.

Theodor Storm


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Meinem liebsten Mädel – Ludwig Thoma

Mein Herz mußt in die Irre geh’n,
Es mußt ihm alles Leid gescheh’n,
Nun nimm’s in beide Hände!
Und halt es fest und schließ es ein!
Dann solls noch einmal glücklich sein
Und fröhlich ohne Ende.

Das Glück, das klopfte bei mir an,
Stand vor der Tür und wollt herein;
Ich hab ihm doch nicht aufgetan,
Da mocht’s nicht länger draußen sein.

Es ging so leise, wie es kam.
Ich hört es nicht, ich sah es nicht,
Doch fühlt ich, wie es Abschied nahm.
In meiner Brust erlosch ein Licht

(Ludwig Thoma, 1867-1921)


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Nun hast auch du – Christian Morgenstern

Nun hast auch du

Nun hast auch du, mein Herze,
dein großes Liebesleid,
nun bist auch du vom Schmerze
gesegnet und geweiht.

Von heut ab wird dein Klagen
nicht tändeln mehr wie einst,
und auch dein schönstes Sagen
wird sein, als ob du weinst.

Christian Morgenstern


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Karoline von Günderrode – Die eine Klage

Die eine Klage
Wer die tiefste aller Wunden
Hat in Geist und Sinn empfunden
Bittrer Trennung Schmerz;
Wer geliebt was er verloren,
Lassen muss was er erkoren,
Das geliebte Herz,

Der versteht in Lust die Tränen
Und der Liebe ewig Sehnen
Eins in Zwei zu sein,
Eins im Andern sich zu finden,
Dass der Zweiheit Grenzen schwinden
Und des Daseins Pein.

Wer so ganz in Herz und Sinnen
Konnt‘ ein Wesen liebgewinnen
O! den tröstet’s nicht
Dass für Freuden, die verloren,
Neue werden neu geboren:
Jene sind’s doch nicht.

Das geliebte, süße Leben,
Dieses Nehmen und dies Geben,
Wort und Sinn und Blick,
Dieses Suchen und dies Finden,
Dieses Denken und Empfinden
Gibt kein Gott zurück.

Autor: Karoline von Günderrode


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