Liebesgedichte



Der Gott der Eifersucht - Heinrich Wilhelm von Gerstenberg


h1 28. Februar 2010 22:15 - Gedicht eingereicht von romantikerin

Der Gott der Eifersucht

Wir waren in Knidos, meine holdselige Chloe und ich.

Auf ewig grünem Laube spielen
Hier Scherz, und Lenz, und Zärtlichkeit.
Die Blumen küssen, Bäume fühlen,
Und Grotten, welche Zephyrs kühlen,
Verbergen manchen holden Streit,
Wenn eine Dryas hier im Thale
Dem jungen Faun zum erstenmale
Mit lautem Zwange Küsse weiht.

Um einen zu furchtsamen Satyr zu ermuntern, der auf sein eignes Glück argwöhnisch war, floh eine schalkhafte Napäe lachend in den Lustwald. Wir eilten ihr nach, um zu erfahren, ob der Satyr sie erhaschen würde, als plötzlich die Göttinn Venus aus dem Walde hervortrat.

Mit aufgelöstem Gürtel gingen
Die Grazien leicht vor ihr hin,
Ein Amor fliegt mit regen Schwingen
Schnell auf die Brust, schnell auf das Kinn,
Sucht dort ein Knöspchen anzubringen,
Und tändelt hier ein Grübchen hin:
Mit himmlisch sanften Liebesschlägen
Lohnt ihm die Göttinn seine Müh:
Froh flattert er der Straf entgegen,
Und zur Vergeltung küßt er sie.

Unglücklicher! o daß ich diesen Amor nie gesehen hätte! Er war der boshafteste unter seinen Brüdern! der Gott der Eifersucht in seinem betrüglichen Reize.

Er wars, der im Geräusch der Blätter
Untreue Küsse rauschen hört,
Der Sicherheit in Furcht verkehrt,
Die sanftesten mit Wuth bewehrt,
Die Edelsten Neid oder Argwohn lehrt,
Ach! jedes Glück der Liebe stöhrt:
Ach! der gefährlichste der Götter!

Warum mußte der Bösewicht mir mit seinen heuchlerischen Blicken gefallen? Warum entfloh er seiner Göttinn, nur mit mir Armen zu spielen, und von mir gehascht zu werden? Warum schenkte mir ihn die Königinn der Liebe? Seitdem sind die güldnen Tage unsrer Liebe oft durch abwechselnden Kummer umwölkt worden.

Mich nagt bey Chloens besten Küssen
Ein banger schrecklicher Verdacht:
»Wie, wenn bey diesen Nektarküssen
Ein dritter oft mich still verlacht!
O Chloe! sollt ich dieses wissen!«
Dann nenn ich Chloen den Verdacht,
Und Chloe weint; und ich muß reuig flehen:
Denn weinen kann ich sie nicht sehen. –
Ach! Venus, nimm den Gott zurück!
Er bringt mich ewig um mein Glück.

Heinrich Wilhelm von Gerstenberg

Frage - Hugo von Hofmannsthal


h1 25. Februar 2010 09:02 - Gedicht eingereicht von romantikerin

Frage

Merkst du denn nicht, wie meine Lippen beben?
Kannst du nicht lesen diese bleichen Züge,
Nicht fühlen, daß mein Lächeln Qual und Lüge,
Wenn meine Blicke forschend dich umschweben?

Sehnst du dich nicht nach einem Hauch von Leben,
Nach einem heißen Arm, dich fortzutragen
Aus diesem Sumpf von öden, leeren Tagen,
Um den die bleichen, irren Lichter weben?

So las ich falsch in deinem Aug, dem tiefen?
Kein heimlich Sehnen sah ich heiß dort funkeln?
Es birgt zu deiner Seele keine Pforte

Dein feuchter Blick? Die Wünsche, die dort schliefen,
Wie stille Rosen in der Flut, der dunkeln,
Sind, wie dein Plaudern: seellos … Worte, Worte?

Hugo von Hofmannsthal 

Sturmnacht - Hugo von Hoffmannsthal


h1 18. Februar 2010 21:56 - Gedicht eingereicht von romantikerin
Sturmnacht

Die Sturmnacht hat uns vermählt
In Brausen und Toben und Bangen:
Was unsre Seelen sich lange verhehlt,
Da ist’s uns aufgegangen.

Ich las so tief in deinem Blick
Beim Strahl vom Wetterleuchten:
Ich las darin mein flammend Glück,
In seinem Glanz, dem feuchten.

Es warf der Wind dein duftges Haar
Mir spielend um Stirn und Wangen,
Es flüsterte lockend die Wellenschar
Von heißem tiefem Verlangen.

Die Lippen waren sich so nah,
Ich hielt dich fest umschlungen;
Mein Werben und dein stammelnd Ja,
Die hat der Wind verschlungen …

Hugo von Hofmannsthal (1890)

Gerechte Strafe - Ludwig Thoma


h1 15. Februar 2010 21:36 - Gedicht eingereicht von romantikerin

Gerechte Strafe

Hierzulande war ein Gymnasiste,
Welcher sich mit Namen Hans behieß,
Und bewirkt’, daß man aus Bildungskreisen
Ihn zum Bürgerstand hinunterstieß.

Denn an einem Mittwoch Nachmittage
Schlich er sich in einem Restorang,
Wo er eine rote Mütz’ aufsetzte
Und von seiner Burschenfreiheit sang.

Dieses hörte jählings ein Professor,
In der Köchin ihrem Schlafgemach.
Hier vernahm er das Verbindungswesen
Und er ging dem Sachverhalte nach.

Leider fand man eine Kneipenzeitung,
Die den Jugendfreund empören muß,
Denn es zeigten sich die Gymnasisten
Ganz vertraut schon in Geschlechtibus.

Der Herr Rektor hat am Leib geschlottert,
Als er las so deutlich und verrucht,
Was er selbst in seinen jungen Jahren
Nur in aller Heimlichkeit gesucht.

Und er ging mit tief empörten Schritten,
Zum Minister, der es staunend las,
Und bei dem moralischen Entsetzen,
Was er selbst getrieben, ganz vergaß.

Aus der Schule wurde Hans verwiesen,
Weil man ihn hierfür zu schlecht befand,
Und er mußte wegen Sittenroheit
Ohne weitres in den Kaufmannstand.

(Ludwig Thoma, 1867-1921)

Gleichgültigkeit - Ludwig Thoma


h1 15. Februar 2010 07:39 - Gedicht eingereicht von romantikerin

Gleichgültigkeit

Als ich gestern lag in meinem Bette,
Klopfte es so gegen Mitternacht.
Meine Meinung war, es sei Jeannette,
Und natürlich hab’ ich aufgemacht.
Leise kam es jetzt hereingeschlichen,
Setzte sich an meines Bettes Rand,
Hat mir über meinen Kopf gestrichen
Mit der ziemlich großen, dicken Hand.
Doch ich merkte bald an ihren Formen:
Dieses Weib ist ja Jeannette nicht,
Deren Hüften nicht von so enormem
Umfang sind und solchem Schwergewicht.
Trotzdem schwieg ich. Denn ich überlegte:
Nicht das Wer, das Wie kommt in Betracht,
Außerdem, die Absicht, die sie hegte,
War entschieden löblich ausgedacht.
Was bedeutet dieserhalb ein Name?
In der Liebe ist das einerlei.
Man verlangt nur, daß es eine Dame
Und von angenehmem Fleische sei.

(Ludwig Thoma, 1867-1921)

Gottesgericht - Ludwig Thoma


h1 4. Februar 2010 21:32 - Gedicht eingereicht von romantikerin

Gottesgericht

Ein Enterich hat jüngst im Freien
Der Liebe ohne Scheu gefrönt.
Natürlich waren sie zu zweien,
Und was sie taten, ist verpönt.

Er hatte das Rezept gefunden
Zu jenem alten Wonnespiel,
Wobei er oben und sie unten
Ins Auge des Betrachters fiel.

Ha! Wie ihm alle Sinne schwinden,
Da schien es manchem offenbar,
Daß jedes ethische Empfinden
In diesem Tier erloschen war.

Ein solches Beispiel öffentlicher
Verdorbenheit kommt selten vor.
Doch Gottes Mühlen mahlen sicher,
Hier war es ein Benzinmotor.

Das Rad zerquetscht sie in der Rinne
Und preßt den Enterich auf sie,
Es war wohl in gewissem Sinne
Auch eine Schicksalsironie.

(Ludwig Thoma, 1867-1921)

Das Ärgernis - Ludwig Thoma


h1 31. Januar 2010 10:29 - Gedicht eingereicht von romantikerin

Das Ärgernis

Was ist das doch in diesen Tagen
Ein Summen, Surren, Hasten, Jagen!
Am Boden welch ein froh Gewühl!
Ein jeder Käfer zeigt Gefühl
Und muß sein Weibchen wild umfassen.
Die ganze Welt ist ausgelassen,
Und jedes Tier begreift sein Leben
In Liebe nehmen, Liebe geben.
Das ist ein Werben, Jubeln, Klagen
In diesen schönen Frühlingstagen!

Ein Ochse steht am Wiesenrand,
Und sein kastrierter Viehverstand
Muß unberührt von diesem Treiben
Und dieser Sinnenfreude bleiben.
Er fühlt im Fressen sich gestört
Von allem, was er sieht und hört.
Da wird gejagt und wird getanzt
Und sich ganz einfach fortgepflanzt!

Das unbekümmerte Gewühl
Verletzt sein tiefstes Schamgefühl.
Wie kann es nur der Schöpfer sehen,
Daß solche Dinge hier geschehen?!
Ihm kommt es ganz abscheulich vor,
Und klagend blickt sein Aug’ empor.
– Ja, ja! Man sieht ’s dem Ochsen an:
Das Rindvieh ist ultramontan.

(Ludwig Thoma, 1867-1921)

Karneval - Ludwig Thoma


h1 15. Januar 2010 10:24 - Gedicht eingereicht von romantikerin

Karneval

Väter, hört mich, Mütter, hört die Mahnung,
Jetzt kommt wieder jene Zeit - versteht! -,
Wo so manche Tugend ohne Ahnung
Der Besitzerin abhanden geht.

Beutesuchend schleicht umher das Laster;
Wer ist sicher, dass ihm nichts geschieht,
Wenn man jetzt der Busen Alabaster
Und beim Hofball auch die Nabel sieht?

Von den Blicken kommt es zur Berührung,
Irgendwo zu einem Druck der Hand,
Und so manches Mittel der Verführung
Sei aus Scham hier lieber nicht genannt!

Wenn an hochgewölbte Männerbrüste
Sich das zarte Fleisch der Mädchen drängt,
Regen sich von selbst die bösen Lüste
Und was sonst damit zusammenhängt.

Darum Eltern, wenn die Geigen klingen
Und die Klarinette schrillend pfeift,
Hütet eure Tochter vor den Dingen,
Die sie hoffentlich noch nicht begreift!

(Ludwig Thoma, 1867-1921)

Leere - Christian Morgenstern


h1 14. Januar 2010 10:00 - Gedicht eingereicht von romantikerin

Leere

Mein Herz ist leer,
ich liebe dich
nicht mehr.

Erfülle mich!
Ich rufe bitterlich
nach dir.

Im Traume zeig
dich mir
und neig
dich zu mir her!

Erfülle mich
mit dir
auf ewiglich!

Ich trag’s nicht mehr, -
ich liebe dich
zu sehr.

Christian Morgenstern

Die Stunde schlug - Theodor Storm


h1 13. Januar 2010 10:12 - Gedicht eingereicht von romantikerin

Die Stunde schlug

Die Stunde schlug, und deine Hand
Liegt zitternd in der meinen,
An meine Lippen streiften schon
Mit scheuem Druck die deinen.

Es zuckten aus dem vollen Kelch
Elektrisch schon die Funken;
O fasse Mut,  und fliehe nicht,
Bevor wir ganz getrunken!

Die Lippen, die mich so berührt,
Sind nicht mehr deine eignen;
Sie können doch,  solang du lebst,
Die meinen nicht verleugnen.

Die Lippen, die sich so berührt,
Sind rettungslos gefangen;
Spät oder früh,  sie müssen doch
Sich tödlich heimverlangen.

Theodor Storm




Mit dem Ratgeber und
der Singlebörse in einem
finden Sie Ihren Traummann.
Liebesgedichte