Liebesgedichte

Karneval – Ludwig Thoma

Karneval

Väter, hört mich, Mütter, hört die Mahnung,
Jetzt kommt wieder jene Zeit – versteht! -,
Wo so manche Tugend ohne Ahnung
Der Besitzerin abhanden geht.

Beutesuchend schleicht umher das Laster;
Wer ist sicher, dass ihm nichts geschieht,
Wenn man jetzt der Busen Alabaster
Und beim Hofball auch die Nabel sieht?

Von den Blicken kommt es zur Berührung,
Irgendwo zu einem Druck der Hand,
Und so manches Mittel der Verführung
Sei aus Scham hier lieber nicht genannt!

Wenn an hochgewölbte Männerbrüste
Sich das zarte Fleisch der Mädchen drängt,
Regen sich von selbst die bösen Lüste
Und was sonst damit zusammenhängt.

Darum Eltern, wenn die Geigen klingen
Und die Klarinette schrillend pfeift,
Hütet eure Tochter vor den Dingen,
Die sie hoffentlich noch nicht begreift!

(Ludwig Thoma, 1867-1921)


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Leere – Christian Morgenstern

Leere

Mein Herz ist leer,
ich liebe dich
nicht mehr.

Erfülle mich!
Ich rufe bitterlich
nach dir.

Im Traume zeig
dich mir
und neig
dich zu mir her!

Erfülle mich
mit dir
auf ewiglich!

Ich trag’s nicht mehr, –
ich liebe dich
zu sehr.

Christian Morgenstern


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Die Stunde schlug – Theodor Storm

Die Stunde schlug

Die Stunde schlug, und deine Hand
Liegt zitternd in der meinen,
An meine Lippen streiften schon
Mit scheuem Druck die deinen.

Es zuckten aus dem vollen Kelch
Elektrisch schon die Funken;
O fasse Mut,  und fliehe nicht,
Bevor wir ganz getrunken!

Die Lippen, die mich so berührt,
Sind nicht mehr deine eignen;
Sie können doch,  solang du lebst,
Die meinen nicht verleugnen.

Die Lippen, die sich so berührt,
Sind rettungslos gefangen;
Spät oder früh,  sie müssen doch
Sich tödlich heimverlangen.

Theodor Storm


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Sommer – Konfession – Frank Wedekind

Sommer – Konfession

Freudig schwör‘  ich es mit jedem Schwure
Vor der Allmacht,  die mich züchtigen kann:
Wie viel lieber wär‘  ich eine Hure
Als an Ruhm und Glück der reichste Mann!

Welt,  in mir ging dir ein Weib verloren,
Abgeklärt und jeder Hemmung bar.
Wer war für den Liebesmarkt geboren
So wie ich dafür geboren war?

Lebt‘  ich nicht der Liebe treu ergeben
Wie es andre ihrem Handwerk sind?
Liebt‘  ich nur ein einzig Mal im Leben
Irgendein bestimmtes Menschenkind?

Lieben?  –  Nein,  das bringt kein Glück auf Erden.
Lieben bringt Entwürdigung und Neid.
Heiß und oft und stark geliebt zu werden,
Das heißt Leben,  das ist Seligkeit!

Oder sollte Schamgefühl mich hindern,
Wenn sich erste Jugendkraft verliert,
Jeden noch so seltnen Schmerz zu lindern,
Den verwegne Phantasie gebiert?

Schamgefühl?  –  Ich hab es oft empfunden;
Schamgefühl nach mancher edlen Tat;
Schamgefühl vor Klagen und vor Wunden;
Scham, wenn endlich sich Belohnung naht.

Aber Schamgefühl des Körpers wegen,
Der mit Wonnen überreich begabt?
Solch ein Undank hat mir fern gelegen,
Seit mich einst der erste Kuss gelabt!

Und ein Leib, vom Scheitel bis zur Sohle
Allerwärts als Hochgenuss begehrt…
Welchem reinern, köstlichern Idole
Nachzustreben, ist dies Dasein wert?

Wenn der Knie leiseste Bewegung
Kraft erzeugend wirkt wie Feuersglut,
Und die Kraft,  aus wonniger Erregung,
Sich zu überbieten, nicht mehr ruht;

Immer unverwüstlicher und süßer,
Immer klarer im Genuss geschaut,
Dass es statt vor Ohnmacht dem Genießer
Nur vor seiner Riesenstärke graut…

Welt, wenn ich von solchem Zauber träume,
Dann zerstiebt zu nichts,  was ich getan;
Dann preis‘  ich das Dasein und ich bäume
Zu den Sternen mich vor Größenwahn!

Unrecht wär’s,  wollt‘  ich der Welt verhehlen,
Was mein Innerstes so wild entflammt,
Denn vom Beifall vieler braver Seelen
Frag‘ ich mich umsonst, woraus er stammt.

von Frank Wedekind


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Meinem liebsten Mädel – Ludwig Thoma

Mein Herz mußt in die Irre geh’n,
Es mußt ihm alles Leid gescheh’n,
Nun nimm’s in beide Hände!
Und halt es fest und schließ es ein!
Dann solls noch einmal glücklich sein
Und fröhlich ohne Ende.

Das Glück, das klopfte bei mir an,
Stand vor der Tür und wollt herein;
Ich hab ihm doch nicht aufgetan,
Da mocht’s nicht länger draußen sein.

Es ging so leise, wie es kam.
Ich hört es nicht, ich sah es nicht,
Doch fühlt ich, wie es Abschied nahm.
In meiner Brust erlosch ein Licht

(Ludwig Thoma, 1867-1921)


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Bettlerliebe – Theodor Storm

Bettlerliebe

O lass mich nur von Ferne stehn
Und hangen stumm an deinem Blick;
Du bist so jung, du bist so schön,
Aus deinen Augen lacht das Glück.
Und ich so arm,  so müde schon,
Ich habe nichts,  was dich gewinnt.
O wär ich doch ein Königssohn
Und du ein arm verlornes Kind!

Theodor Storm


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Nun hast auch du – Christian Morgenstern

Nun hast auch du

Nun hast auch du, mein Herze,
dein großes Liebesleid,
nun bist auch du vom Schmerze
gesegnet und geweiht.

Von heut ab wird dein Klagen
nicht tändeln mehr wie einst,
und auch dein schönstes Sagen
wird sein, als ob du weinst.

Christian Morgenstern


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Frühling Ilse – Frank Wedekind

Frühling Ilse

Ich war ein Kind von fünfzehn Jahren,
Ein reines unschuldsvolles Kind,
Als ich zum ersten Mal erfahren,
Wie süß der Liebe Freuden sind.

Er nahm mich um den Leib und lachte
Und flüsterte:  O welch ein Glück!
Und dabei bog er sachte,  sachte
Den Kopf mir auf das Pfühl zurück.

Seit jenem Tag lieb‘  ich sie alle,
Des Lebens schönster Lenz ist mein;
Und wenn ich keinem mehr gefalle,
Dann will ich gern begraben sein.

von Frank Wedekind  


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Am Busen der Natur – Ludwig Thoma

Neulich ist mein Alter
Mit mir promeniert,
Und er hat mich schleunig
Auf das Land geführt,
Weil man dort, so sagt er,
Noch das Echte sieht,
Was uns stärkt fürs Leben
Und dabei erzieht.

Auf ein Schwalbennestchen
Hat er hingespitzt,
Wo die Schwalbenmutter
Auf den Eiern sitzt.
Siehst du, Wally, sagt er,
Dieses ist Natur;
Nimm an diesem Tierchen
Dir ein Beispiel nur.

Lerne hier begreifen
– ’s wäre höchste Zeit -,
Daß den wahren Segen
Bringt die Häuslichkeit.
Nicht in Kleidern, sagt er,
Suche all dein Glück,
Kehre reuig wieder
Zur Natur zurück!

Als wir weitergingen,
Blieb ich plötzlich stehn,
Denn ein schönes Schauspiel
Hab‘ ich da gesehn.
Sieben Hennen standen
Um den Gockelhahn,
Eine jede hatte
Ihre Freud‘ daran.

Siehst du, Adolf, sagt‘ ich,
Dieses ist Natur,
Nimm an diesem Tierchen
Dir ein Beispiel nur!
Wenn das Echte wirklich
Uns erzieht und stärkt,
Warum, Adolf, fragt‘ ich,
Hab‘ ich nichts gemerkt?

(Ludwig Thoma, 1867-1921)


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Ein Blick ins Damenbad – Ludwig Thoma

Nicht all und jedes, meine Beste,
Ist reizend, was Ihr Kleid verhehlt.
Denn manches, was das Mieder preßte,
Wird schwabbelig, wenn dieses fehlt.

Ein hübscher Stiefel, schöne Strümpfe
Beschwindeln uns oft sonderbar.
Man sieht mit Schrecken, daß die Nymphe
Gespickt mit Hühneraugen war.

Ich spreche nicht von Hinterfronten,
Die, ungebührlich aufgebauscht,
Uns nur so lang bezaubern konnten,
Als schwere Seide sie umrauscht.

Das Nackte kann die Tugend stärken,
Und vieles reizt uns nur umflort.
Ich konnt‘ es durch die Wand bemerken,
Als ich ein Loch hineingebohrt.

(Ludwig Thoma, 1867-1921)


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